15.04.2021

Bahn-Einkauf von Pandemie kaum beeinträchtigt

Alle reden über Corona – der DB-Einkauf kaum. Bei Gesamteinkäufen des Staatskonzerns von rund 37 Milliarden Euro wirkte sich laut Chefeinkäufer Grothe die Pandemie fast nicht auf die meisten Beschaffungsprojekte aus. Bahn-Chef Lutz hat die Krise als „Zäsur für den Bahnsektor“ bezeichnet.

Bahn-Einkauf Pandemie

Bahn von Covid-19 betroffen

Die Bahn ist massiv von der Covid-19-Pandemie betroffen. Die ganze Bahn? Nein. Der Beschaffungsbereich hat von Anfang an auf die Aufrechterhaltung ihrer Lieferketten hingewirkt. Das sagt der Chefeinkäufer der Deutschen Bahn, Jan Grothe gegenüber „BME-News“. Es sei in den meisten Beschaffungsprojekten des Unternehmens kaum zu Verzögerungen gekommen.

Grothe: „Wir konnten in einigen wenigen kritischen Bereichen relativ schnell von Single Sourcing auf Dual Sourcing umstellen.“
Auch die Bautätigkeiten habe man dank der engen Zusammenarbeit mit den Lieferanten selbst im Lockdown komplett weiterbetrieben. Eine speziell eingerichtete Arbeitsgruppe habe das Baupensum koordiniert und gesichert.

Das International Procurement Office in Shanghai

Den Bedarf aller Mitarbeiter an Pandemieschutzartikeln wie Mund-Nase-Schutz und Desinfektionsmitteln habe das Unternehmen über das International Procurement Office in Shanghai relativ schnell aus China decken können. Der deutsche Schienenverkehr habe sich in Zeiten der pandemiebedingten Einschränkungen als zuverlässiger Partner erwiesen.

Grothe: „Auf der Schiene nämlich erreichte unsere Belegschaft dringend benötigtes medizinisches Schutzmaterial aus China.“

Globales Lieferantennetzwerk und zentrale Beschaffung

In diesem Zusammenhang äußerte sich Grothe auch zu der Bedeutung des globalen Lieferantennetzwerkes für die zentrale Beschaffung. Wie andere Unternehmen nutze auch die Bahn zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung Standortvorteile im In- und Ausland. Das Shanghaier Office, 2015 gegründet, helfe, potenzielle Lieferanten für Zugprodukte in China zu ausfindig zu machen.

Grothe: „Das asiatische Büro war gerade auf dem Höhepunkt der Corona-Krise ein enorm hilfreicher Pluspunkt.“
Die dort ansässigen Mitarbeiter waren zu jedem Zeitpunkt in der Lage, bei der Qualitätssicherung vor Ort und der Abwicklung wichtiger Zollformalitäten die zentrale Beschaffung der Bahn entlasten. Die Unterstützung durch sie bezeichnet Grothe als „unerlässlich“, um Container über die Schiene, die sogenannte Railbridge, als auch als Seefracht zeitnah nach Deutschland transportieren zu können. Derzeit prüfe man Büro-Eröffnungen in anderen Ländern und beschaffe ebenfalls in anderen Teilen Asiens sowie in einzelnen Regionen Nord- und Südamerikas.

Erfahrungen aus der Beschaffung DB Infrastruktur

Grothe trug vor seiner jetzigen Tätigkeit als CPO Verantwortung in der Beschaffung der DB Infrastruktur mit einem Einkaufsvolumen von gut elf Milliarden Euro Verantwortung – bei einem DB-Gesamteinkaufsvolumen von rund 37 Milliarden Euro der größte Posten innerhalb der zentralen Beschaffung.

Seinerzeit war er für den damaligen CPO Uwe Günther seit 2014 bei der Ausarbeitung und Umsetzung der Beschaffungsstrategie der DB verantwortlich für Grundsätze, Strategie und IT-Systeme der Beschaffung. In den vergangenen Jahren habe das Unternehmen erheblich in die Transformation von einem Bestellcenter hin zu einer World-Class-Beschaffungsorganisation investiert und diesen Status in einigen Bereichen erreicht. Als CPO hat Grothe jetzt die übergreifende Verantwortung insbesondere für die Beschaffung im Fahrzeugbereich.

Grothe: „Hier gibt es auch viel Dynamik, da Rekordinvestitionen in neue Züge geplant sind, um die Bahn für die Mobilität des 21. Jahrhunderts fit zu machen.“

Deutsche Bahn wichtiger europäischer Nachfrager

Auf den europäischen Märkten spielt die Deutsche Bahn Grothe zufolge als Nachfrager eine herausragende Rolle. Die zentrale Beschaffung sei mit etwa 1.200 Mitarbeitern und rund 20.000 Lieferanten eine wichtige Schnittstelle zum externen Markt. Sie verantwortet das konzernweit gültige Beschaffungsregelwerk sowie die Einkaufspolitik im Sinne einer besseren Versorgung. Dies umfasse die Einkaufsaktivitäten der DB-Tochtergesellschaften wie DB Arriva oder DB Schenker.

Digitalisierung für Bahn gelebte Wirklichkeit

Für die Deutsche Bahn sei Digitalisierung kein Zukunftsthema. Dieser Prozess habe vor einigen Jahren begonnen und sei gelebte Wirklichkeit beispielsweise:

  • beim Einsatz elektronischer Lösungen im Einkauf,
  • konzernweiten Aufbau von elektronischen Beschaffungssystemen,
  • eKatalog-Bestellung im Geschäftsalltag,
  • Online-Vergabe- und
  • Sourcing-Plattformen.

Potenzielle Lieferanten könnten sich auf dem bahneigenen Vergabeportal über die Auftragslage bei der DB informieren. Als registrierte Nutzer hätten sie die Möglichkeit:

  • Teilnahmeanträge zu stellen,
  • Vergabeunterlagen abzurufen und
  • elektronische Angebote abzugeben.

Datenaustausch zwischen Lieferanten und Bahn

Den automatisierten Datenaustausch zwischen Lieferanten und Bahn treibe man voran. Gleichzeitig baue man den Online-Marktplatz aus. Diesen erweitere das Unternehmen unter anderem mit Katalogfunktionen und Lieferantentools. Mittlerweile seien alle Beschaffungsprozesse der DB komplett digitalisiert. Grothe: „Das hat uns beim Corona-Lockdown sehr geholfen.“

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)