16.02.2021

Autobranche befürchtet Abriss der Lieferkette

Lieferketten reißen ab. Bänder stehen still. Aus für die Autoindustrie. Supermarkt-Regale bleiben leer. Schlimmste Szenarien rücken mit jedem Tag des Lockdowns näher. Autobauer und Logistiker schlagen Alarm. Sie fordern Corona-Schnelltests von Fahrern auch ohne ärztliches Attest.

Abriss der Lieferkette

7-Tage-Inzidenz auf Allzeithoch an der Grenze zu Tschechien

Tirschenreuth: Die 7-Tage-Inzidenz für den Landkreis Tirschenreuth liegt bei mehr als 380. Das meldet der Bayerische Rundfunk unter Berufung auf das Robert-Koch-Institut (RKI). Betriebe im ganzen Landkreis seien von positiven Fällen und von Verdachtsfällen auf eine Corona-Mutation betroffen. Für Grenzgänger ins oder aus dem benachbarten Tschechien gelten deswegen im Landkreis Tirschenreuth verschärfte Corona-Regeln:

  • Grenzpendler müssen sich nach ihrer Einreise direkt an ihre Arbeitsstätte begeben und den Landkreis nach der Arbeit auf direktem Weg wieder verlassen.
  • Einwohner, die in Tschechien arbeiten, dürfen nur zwischen Arbeit und Wohnort pendeln und die Wohnung nur aus triftigen Gründen verlassen.

Bundespolizei im Einsatz an Grenzen zu Tschechien und Tirol

Um Mitternacht zum 14. Februar 2021 macht Bayern die Grenze zu Tschechien und zum Bundesland Tirol in Österreich bis auf wenige Ausnahmen dicht. Tschechien gilt jetzt als „Mutationsgebiet“. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat ein generelles Einreiseverbot in der Grenzregion verhängt. Wie die „Deutsche Welle“ weiter berichtet, hat die Bundespolizei sich in der Nacht bei klirrender Kälte von bis zu minus 20 Grad am Grenzübergang Schirnding zwischen Bayern und Tschechien postiert. Hier wie an allen anderen Übergängen zwischen Deutschland und Tschechien gingen zwar keine physischen Schlagbäume herunter, aber:

  • jedes Fahrzeug auf der Bundesstraße wird angehalten,
  • Reisenden werden nach ihren Absichten befragt und
  • falls nötig zurückgeschickt.

Bis zuletzt war nicht klar, welche Ausnahmen gelten sollen. Von der Bundespolizei hieß es, dass nur Berufspendler aus Tschechien, die im medizinischen Bereich oder „kritischer Infrastruktur“ arbeiten, die Grenze passieren dürfen. Ebenso sollen Lastwagenfahrer und Teilnehmer an Beerdigungen einreisen dürfen. Jeder Einreisende muss sich zuvor einem Corona-Test unterziehen.

Unsicher ist, ob sich Berufspendler täglich, jeden zweiten Tag oder nur wöchentlich testen lassen müssen. Auch der Bahn- und Busverkehr zwischen Bayern und Tschechien wurde eingestellt.

Kritik in Grenzregion und in der Industrie

In der Grenzregion wird Kritik laut. Aber nicht nur da. Mit großer Sorge sehen der Verband der Automobilindustrie (VDA) und der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) die Auswirkungen der Grenzkontrollen an der deutsch-tschechischen und deutsch-österreichischen Grenze. Die Verbände schlagen vor, Selbstschnelltests von Fahrern auch ohne ärztliches Attest zu akzeptieren, bis ausreichende Testkapazitäten an den Grenzen zur Verfügung stehen. Man befürchtet sonst ein Abreißen der Lieferkette mit anschließenden Produktionsstopps in den Automobilwerken und Versorgungsengpässen im Handel.

Viele Teile für die Automobilproduktion an deutschen Standorten werden aus Österreich und Tschechien just-in-time oder just-in-sequence direkt ans Montageband geliefert.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Wenn es aufgrund der Test- und Anmeldepflichten an den Grenzen zu längeren Staus kommt, ist mit einem Abriss der Lieferkette und kurz danach mit Produktionsstillstand in vielen Pkw-Werken in Deutschland zu rechnen.“
Erste Produktionsbänder könnten bereits nach wenigen Stunden stehen, wenn die Materialversorgung ausbleibe.

Im Gegensatz zu 2020 diesmal keine Vorwarnzeit

Im Gegensatz zum Frühjahr 2020, als die Unternehmen eine Vorwarnzeit von zwei bis drei Wochen hatten, bevor Lieferungen aus Italien ausblieben, und entsprechend ihre Teilelager vorab erhöhen konnten, komme die Entscheidung jetzt überraschend. Sie stelle Hersteller, Zulieferer und die Logistikbranche vor enorme Herausforderungen.

Tschechien sei für die Pkw-Produktion in den deutschen Werken mindestens ebenso wichtig wie Norditalien.

BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt: „Der BGL fordert schnellstens eine praktikable Teststrategie für den Güterverkehr. Wer ohne Ausnahme für den Güterverkehr negative Corona-Tests vor der Einreise fordert, muss auch dazu sagen, wo man diese Tests machen kann.“
Zusätzlich zu den Testzentren, die an den Grenzen unverzüglich errichtet werden müssten, sollten seiner Ansicht nach Schnelltests von Lkw-Fahrern ohne ärztliche Bescheinigung akzeptabel sein. Anderenfalls blieben nicht nur viele Supermarkt-Regale leer, weil Lkw-Fahrer fehlten, sondern die Fließbänder vor allem auch in der Automobilindustrie ständen still.
Engelhart: „Sie könnten nicht mehr beliefert werden.“

BGL: Regierung riskiert Versorgungsnotstand

Bereits Mitte Januar hatte der BGL die Bundesregierung angesichts des Beschlusses zur Coronavirus-Einreiseverordnung zum wiederholten Male davor gewarnt, sie riskiere Versorgungsengpässe für Bevölkerung und Wirtschaft. Erhöht werde diese Gefahr durch weiterhin bestehende Unklarheiten im Hinblick auf die von den Bundesländern geregelten Quarantäne-Verordnungen.

„Lkw-Fahrer, die im Ausland festsitzen oder sich unnötig lange in Quarantäne befinden müssen, können keine Lebensmittelgeschäfte oder Tankstellen beliefern“, so Engelhardt.
Was nützten Fahrern die bundeseinheitlichen Regelungen der Coronavirus-Einreiseverordnung, wenn sie sich dann im Dickicht der 16 unterschiedlichen Quarantäne-Verordnungen der Bundesländer verlören?

Auch bei den Quarantäne-Bestimmungen mahne man im Interesse der Menschen hinter dem Lkw-Lenkrad dringendst bundeseinheitliche Lösungen an. Zu der Vorgabe, im Fall der Einreise aus Hochinzidenz- oder Virusvarianten-Gebieten bereits vor Einreise Corona-Tests durchführen zu müssen, erinnert der Verband an den bestehenden Mangel im Ausland an einer Infrastruktur für derartige Tests.

„Damit schiebt Deutschland den Schwarzen Peter in die Nachbarländer“, so Engelhardt.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)