04.12.2017

Autobauer nehmen Lieferkette unter die Lupe

Elektroautos leiden unter mangelnder Reichweite. Um sie zu erhöhen, braucht man effiziente Energiespeicher. Der Bedarf steigt ständig. Damit wächst auch die Nachfrage nach dem dabei verwendeten Kobalt. Dessen Förderung ist in die Kritik geraten. Autobauer wollen ihr jetzt begegnen und die Lieferkette genau beobachten.

Die Autobranche und ihre Lieferketten

Fördern Käufer von E-Autos Kinderarbeit?

Apropos Lieferkette: Käufer eines E-Autos könnten unwissentlich Kinderarbeit fördern. Davor warnt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Ihr zufolge schuften in den Kobalt-Minen des Kongo in Zentralafrika Kinder im Alter von sieben Jahren. Mehr als die Hälfte des weltweiten Kobaltbedarfs wird hier gedeckt.

Die Autobranche weist dem Bericht zufolge einige Defizite auf. Unter den deutschen Autokonzernen habe sich BMW „in einigen Aspekten verbessert“ und schneide unter den Autoherstellern als bester ab, zeige jedoch weiterhin „deutliche Mängel“. Volkswagen und Daimler wiesen „erhebliche Mängel“ auf. Daher fordert Amnesty von einer neuen Bundesregierung, „endlich verbindlich die Einhaltung von Sorgfaltspflichten vorzuschreiben“. Aber auch die Autobauer selbst wollen die Lieferkette jetzt genauer beobachten.

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Partnerschaft führender Automobilunternehmen

Dieser Forderung kommt, wie „auto.de“ berichtet, jetzt eine Partnerschaft dieser Automobilunternehmen entgegen: BMW, Daimler AG, Ford, Honda, Jaguar Land Rover, Scania, Toyota Motor Europe, Volkswagen Group, Volvo Cars und Volvo Group.

Die Konzerne wollen eine Beobachtungsstelle für Rohstoffe einrichten.

Sie soll ethische, umweltbezogene, menschen- und arbeitsrechtliche Probleme bei der Beschaffung bestimmter Produktionsmittel aufdecken und angehen helfen.

Drive Supply Chain Sustainability

Dafür trafen sich Vertreter von rund 70 Automobilherstellern, Automobilzulieferern, Nichtregierungsorganisationen und EU-Institutionen in Brüssel. Die Partner führen die bisherige Arbeit der „European Automotive Working Group on Supply Chain Sustainability“ fort.

Durch die Zusammenarbeit sollen Beschaffung und die gesamte Lieferkette nachhaltiger werden. Unter der Bezeichnung „Drive Sustainability“ wollen sie Nachhaltigkeit auf dem gesamten Beschaffungsweg gewährleisten, von der Gewinnung bestimmter Rohstoffe bis zum Einsatz in der Produktion.

Nachhaltigkeit innerhalb der Automobilzulieferkette

Drive Sustainability arbeitet bereits seit fünf Jahren an der Verbesserung der Nachhaltigkeit innerhalb der Automobilzulieferkette. Die neue Initiative ist der nächste Schritt in ihrem globalen Engagement für Geschäftsethik, Respekt für Umwelt und Menschenrechte sowie menschenwürdige Arbeitsbedingungen.

Koordiniert wird die Partnerschaft von CSR Europe, einem wirtschaftsorientierten, von Mitgliedern getragenen und EU-nahen Netzwerk.

Deren Direktor Stefan Crets sagte in Brüssel: „Die Beobachtungsstelle für Rohmaterialbeschaffung wird die Risiken der Top-Rohstoffe wie Glimmer, Kobalt, Gummi, Leder und andere im Automobilsektor bewerten. Dies ermöglicht Drive Sustainability, die wirkungsvollsten Aktivitäten zu definieren, um die menschlichen, ethischen und ökologischen Aspekte innerhalb der Lieferkette anzugehen.“
Safflorit
Safflorit (seltenes Kobalt-Eisen-Arsenid-Mineral aus Schneeberg/Erzgebirge)

Risikobewertung durch die Dragonfly-Initiative

Die Risikobewertung der Top-Rohstoffe wird von der Dragonfly-Initiative, einem auf Nachhaltigkeit spezialisierten Beratungsunternehmen aus Großbritannien, durchgeführt. Ergebnisse werden für Januar 2018 erwartet. Drive Sustainability soll Anfang 2018 den Aktionsplan zur Bewältigung der Probleme vorstellen.

Amnesty appellierte laut „Zeit online“ an alle kobaltverarbeitenden Unternehmen, ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht zu erfüllen. Die Organisation erinnerte sie an die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sowie die Leitsätze der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für Minerale. An diese Standards müssten sich die Unternehmen halten – und zwar von der Mine über die Verhüttung bis zur Produktionsstätte.

Jedes zehnte Kind zur Arbeit gezwungen

Nach Expertenschätzungen wird jedes zehnte Kind auf der Welt zur Arbeit gezwungen. Insgesamt seien es 152 Millionen arbeitende Mädchen und Jungen.

Vor Beginn der Weltkonferenz zur nachhaltigen Beseitigung der Kinderarbeit rief Guy Ryder, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, „das Unerträgliche nicht weiter zu dulden“. Die UN verbieten Kinderarbeit in der Kinderrechtskonvention als „gefährlich und unnötig“.

Insgesamt haben sich 193 Länder den UN-Entwicklungszielen verschrieben und sich damit verpflichtet, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden. Allerdings sind sich die Experten uneinig darüber, wie man am besten mit Kinderarbeit umgehen soll.

Einige Wissenschaftler hatten in einem Brief an die britische Zeitung „Observer“ der UN im vergangenen Dezember vorgeworfen, Beweise über positive Aspekte von Kinderarbeit ignoriert zu haben. Es würden lediglich Belege aufgeführt, die veraltete und schlecht informierte westliche Vorurteile und Grundsätze stützten.

Mehr Kinder in der Schule durch Kinderarbeit?

Es sei ein Trugschluss, dass das Verbot von Kinderarbeit dazu führe, dass mehr Kinder in die Schule gingen, sagt laut „Zeit online“ eine der Unterzeichnerinnen, Dorte Thorsen vom Institut für Global Studies an der Universität Sussex. Ganz im Gegenteil könnten Kinder, die arbeiten, möglicherweise ihre Schulgebühren zahlen.

Die Experten weisen darauf hin, dass in manchen Ländern Schulen für junge Angestellte gegründet wurden. Diese hätten nach internationalem Druck der Kampagne gegen Kinderarbeit wieder schließen müssen. Außerdem seien Fälle bekannt, in denen Kinder durch das Verbot in illegale oder gefährliche Arbeitsverhältnisse gedrängt wurden, weil ihnen der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt verschlossen wurde.

Hier kommen Sie zum Artikel auf Zeit online mit dem Titel: „Amnesty wirft Autoherstellern Förderung von Kinderarbeit vor“.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)