15.06.2021

Amazon vernichtet Retoure-Waren im großen Stil

Neu ab auf den Müll. Die Praxis der Vernichtung retournierter Neuware will eigentlich ein eigenes Gesetz verhindern. Doch das Gesetz setzt niemand um. Es fehlt an der nötigen Durchführungsverordnung. Onlinehändler Amazon macht sich das zunutze. TV-Aufnahmen sollen das jetzt belegen.

Retoure-Waren

Vorbereitung für die Vernichtung

Mehrere Wochen lag ein Mitarbeiter von Greenpeace bei Amazon auf der Lauer. Das berichtet die Plattform „t3n“ unter Bezugnahme zu Berichte in der TV-Sendung „Panorama“ (NDR) und der „Zeit“. Mit versteckter Kamera hatte er sich demnach als Angestellter im Logistikzentrum von Amazon in Winsen an der Luhe verdingt. Er soll die Vorfälle dokumentiert haben. In sogenannten „Destroy-Stationen“ (Vernichtungsstationen) sollen dort vor allem nicht verkaufte Waren von Dritthändlern für die Vernichtung vorbereitet werden, denen das Unternehmen sonst hohe Lagerkosten in Rechnung stellen würde, teilweise originalverpackte Artikel wie:

  • Kleidung
  • Spielzeug
  • Bücher
  • Elektrogeräte.

Es handele sich dabei auch um Waren von Marketplace-Händlern, die teilweise das Lager nicht verlassen hatten. Amazon bestreite die Vernichtung nicht, es handele sich aber um Fälle im „Promillebereich“. Nur, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gebe, vernichte man Artikel.

Ohne Verordnung keine Gesetzesdurchführung

Bereits im Februar 2020 verabschiedete Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) mit Unterstützung der Grünen ein Gesetz, das die Vernichtung von Retouren verhindern soll. Nur im Ausnahmefall ist diese Praxis seitdem erlaubt. Das Problem: es gibt keine zugehörigen Verordnungen. Deswegen wird das Gesetz bisher nicht umgesetzt. Ohne Umsetzung keine Überwachung der Umsetzung.

Doch die Praxis bietet nahe besehen wenig Überraschendes. Händler entsorgen nicht Ware, die sie noch für sie gewinnbringend verkaufen könnten. Bleibt die Gewinnaussicht aus, je länger die Ware im Lager liegt, und übersteigen die Lagerkosten den noch zu erzielenden Restwert, dann haben Händler kaum eine andere Wahl, als die Waren aufzugeben.

Gesetz greift zu kurz

Das Kreislaufwirtschaftsgesetz und die Abfallrahmenrichtlinie sehen eine Vernichtung von Waren für den nicht so seltenen Fall vor, wenn ihre Instandhaltung nicht wirtschaftlich zumutbar ist. Bei Billigmode beispielsweise haben Anbieter wie H&M, Primark oder Zara sich dem „t3n“-Bericht zufolge in den letzten Jahren das Problem mit Micro-Kollektionen hausgemacht. Diese kommen und gehen teilweise im Monatsrhythmus. Je schneller aber die Mode wechselt, desto eher die Chance, dass bestellte Waren zurückgeschickt oder gar nicht erst abverkauft werden. Laut den Greenpeace-Recherchen trennt eine Handvoll an Amazon-Mitarbeitern fortwährend die unverkäuflichen Waren mehr oder weniger sortenrein vor der Entsorgung.

Wie viele Waren das betrifft, weiß letztlich nur Amazon. Hier muss der Gesetzgeber nach Ansicht des „t3n“-Autors Tobias Weidemann ansetzen, habe es im Prinzip schon getan. Allerdings fehle es bislang noch an den entsprechenden Durchführungsverordnungen für das längst verabschiedete Gesetz. Diese müssten von Händlern eine schlüssige Dokumentation einfordern, wie viele Waren wie entsorgt würden. Die dokumentierten Zahlen müssten belastbar sein und vom Händler nicht schön gerechnet oder durch Internationalisierung verwässern werden.

Sachspenden ohne Mehrwertsteuer besser als Vernichten

Mitbewerber Otto hatte im Zusammenhang mit Retouren laut dem Bericht vor zwei Jahren erklärt, dass mehr als 97 Prozent wieder direkt in den Handel gingen. Selbst von den restlichen drei Prozent will Otto nur einen kleinen Prozentsatz entsorgt haben. Der Versandhandel kann mit kleinem Aufwand Kunden landesweit und darüber hinaus beliefern.

Der Prozentsatz an unverkäuflicher, weil nicht mehr moderner Ware ist im Präsenzhandel größer. Fachleute sehen die Verantwortung letztlich weniger bei den Versandhändlern. Sie betrieben eine effiziente Lagerhaltung. Außerdem gehört die Ware immer noch den Drittanbietern. An sie die Ware zurückschicken, damit diese sie dann vernichten, stellt für keinen eine Alternative dar. Sinnvoll wäre nach Ansicht von Experten das unentgeltliche Weitergeben bei vollständiger Abschreibung und Abschaffung der bislang anfallenden Mehrwertsteuer auf Sachspenden.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)