05.11.2018

Abbiegeassistent für Lkw: Förderung vom Bund

Ein Kind fährt auf dem Radweg. Plötzlich neben ihm ein Laster. Der will rechts abbiegen, das Kind geradeaus – im toten Blickwinkel des Lkw-Fahrers. Das Kind stirbt wenig später im Krankenhaus. Solchen Unfällen will die Industrie jetzt mit einem Abbiegeassistent-System zu Leibe rücken. Das will die Politik unterstützen.

Ein Abbiegeassistent für Lkws kann erreichen, dass es weniger tödliche Unfälle mit Radfahrern gibt.

Es geschah am hellichten Tag

Es geschah an einem Montagmorgen im Mai dieses Jahres in München. Ein neunjähriges Mädchen war auf dem Weg in die Schule. Gegen 7.40 Uhr wollte es mit ihrem Rad die bei Anwohnern gefürchtete, extrem stark befahrene Kreuzung Moosacher Straße / Ecke Schleißheimer Straße überqueren. Aus dem Norden und von beiden Seiten rollt hier, so berichtet die Münchener „AZ“, morgens der Berufsverkehr auf mehreren Spuren, darunter viele Lastwagen.

Die Fahrzeuge, die aus der Schleißheimer Straße rechts abbiegen wollen, bekommen zuerst Grün. Erst mit zeitlicher Verzögerung zeigt die Fußgängerampel ebenfalls Grün. So war es auch an jenem Montag, als der Fahrer eines Kipplasters von der Schleißheimer in die Moosacher Straße rechts abbiegen wollte. Der 43-Jährige musste wegen des stockenden Verkehrs halten, als er schon auf der Fußgängerfurt war. Dann schaltete die Ampel für die Fußgänger um, das Mädchen fuhr mit dem Radl los. Als es sich direkt vor dem Laster, rechts vorn, tief unten, da wo kein Lkw-Fahrer mehr etwas sehen kann, befand, fuhr der Fahrer wieder an. Die Schülerin wurde erfasst und von dem Schwertransporter überrollt. Es hatte keine Überlebenschance. Es wurde kurz reanimiert, starb aber wenig später im Krankenhaus.

Immer mehr Fahrradunfälle mit Lkw-Beteiligung

Dies war, wie die Zeitung schreibt, bereits der neunte tödliche Verkehrsunfall in München in diesem Jahr. Von fünf tödlichen Unfällen mit Radfahrern spielte in drei Fällen der tote Winkel eine Rolle, zitiert das Blatt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. An der Moosacher Straße komme es immer wieder zu schweren Unfällen. Andreas Groh, stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), sagt dem Blatt:

„Die Kreuzung in Moosach ist bekannt. Von Seiten der Stadt ist dort aber bislang nichts passiert.“

Die Zahl der in Deutschland durch abbiegende Lkw getöteten Radfahrer steigt seit einigen Jahren. Waren es im Jahr 2013 noch 28 Tote, gab es im vergangenen Jahr 38 Todesfälle. Das neunjährige Münchner Mädchen wird die Statistik traurig fortschreiben, sie ist die 18. Tote. Der ADFC rechnet heuer bundesweit mit 40 tödlichen Radfahrer-Unfällen.

Wann kommt der Abbiegeassistent für Lkw?

Das Thema treibt Politik und Lkw-Industrie seit langem um. Sie versprechen sich eine Lösung des Problems durch einen Abbiegeassistenten im Lkw. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) macht laut „VerkehrsRundschau“ Druck, damit mehr Lkws mit solchen Abbiegeassistenten ausgestattet werden.

Sein Haus hat 33 Unternehmen als Sicherheitspartner freiwillig ins Boot einer im Juli gestarteten Aktion seines Hauses geholt. Nach Auskunft des Bundesverkehrsministers ist eine neue Regelung für Anforderungen an Abbiegeassistenzsysteme in Neufahrzeugen derzeit in der Abstimmung bei der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UNECE) und soll voraussichtlich ab Ende 2019 gelten.

Darauf aufbauend will die Europäische Kommission den verpflichtenden Einbau von Abbiegeassistenten nach derzeitigem Stand ab 2022 für neue Fahrzeugtypen und ab 2024 für alle neuen Lkw und Busse vorschreiben. Aus Sicht von Scheuer viel zu spät.

„Wir brauchen jetzt schon Abhilfe, um diese tragischen Unfälle zu verhindern“, zitiert ihn die „VerkehrsRundschau“.

Daher setzt Scheuer sich bei der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft für eine deutliche Beschleunigung ein. Am 15.10.2018 veröffentlichte das Ministerium in seinem Verkehrsblatt „Empfehlungen zu technischen Anforderungen an Abbiegeassistenzsysteme für die Aus- und Nachrüstung“. Diese sind Grundlage der zum 01.01.2019 in Kraft tretenden Förderrichtlinie für Abbiegeassistenzsysteme.

Fünf Millionen Euro für den Abbiegeassistenten

Mit der Förderrichtlinie stellt der Bund fünf Millionen Euro für geplante 2.900 Förderfälle bereit. Durch die Empfehlungen zu technischen Anforderungen ist aus Sicht des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. sichergestellt, dass nur hinreichend leistungsfähige Systeme verbaut werden. Derzeit würden viele Systeme als angebliche Abbiegeassistenten angeboten, die bestenfalls Scheinlösungen darstellen, wie z.B. Einparkhilfen oder Spurwechselassistenten für die Autobahn. Besonders begrüßt der Verband in den Empfehlungen die Klarstellung:

„Ein Kamera-Monitor-System (ohne abstrakte Information) ist kein Abbiegeassistenzsystem im Sinne dieser Empfehlungen.“

Der Abbiegeassistent – keine leichte Aufgabe

Der Abbiegeassistent dürfte nach Einschätzung von Martin Bulheller vom BGL von allen Assistenzsystemen das komplexeste sein.

Bulheller: „Deswegen gibt es auch immer noch keinen, der automatisch bremst, nur welche, die automatisch optisch oder akustisch warnen.“

Passive Kamera-Monitorsysteme ohne automatische akustische oder optische Warnfunktion haben den Nachteil, dass sie nur in exakt dem Moment helfen, in dem der Fahrer direkt auf diesen Monitor schaut. In der konkreten Abbiegesituation muss er allerdings zur Einschätzung der Gefahrensituationen zusätzlich im Blick haben:

  • ein halbes Dutzend Rückspiegel
  • den Gegenverkehr
  • den Querverkehr
  • die Beschilderung
  • Ampeln
  • sein eigenes Fahrzeug.

Zudem sind sein eigenes Fahrzeug und die Verkehrsteilnehmer um ihn herum permanent in Bewegung. Überdies benötigen Kamera-Systeme ausreichende Lichtverhältnisse, d.h. die Leistungsfähigkeit solcher Systeme ist beeinträchtigt bei:

  • Dämmerung
  • Dunkelheit
  • Starkregen
  • Schneefall
  • Vereisung
  • Schattenwurf
  • Nebel
  • Rauchentwicklung

Zwei Lkw-Hersteller mit Abbiegeassistenten im Programm

Nachdrücklich begrüßt der BGL, dass seit der IAA-Nutzfahrzeuge Ende September 2018 endlich bei einem zweiten Lkw-Hersteller für Neufahrzeuge radargestützte Abbiegeassistenten ab Werk bestellt werden können. Den ersten Assistenten dieser Art hat Lkw-Hersteller Daimler im Angebaut, den zweiten VW-Tochter Scania. Bei MAN hat man schon vor zehn Jahren erste Versuche gemacht und z.B. auch einen Film dazu gedreht.

Bis Abbiegeassistenzsysteme flächendeckend verbaut sind, werden nach Einschätzung des BGL noch viele Monate, wenn nicht Jahre vergehen. Die Berufsvereinigung empfiehlt:

„So lange bleibt die sicherste Empfehlung, wenn wir als Fußgänger oder Radfahrer unterwegs sind, um Abbiegeunfälle zu vermeiden: Blickkontakt mit dem Lkw-Fahrer aufnehmen.“

Nur dann könne man sicher sein, dass der Fahrer einen gesehen hat, erläutert BGL-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. Dirk Engelhardt. Jetzt bleibe nur noch abzuwarten, wann die ersten nachrüstbaren Abbiegeassistenzsysteme die „Allgemeine Betriebserlaubnis“ (ABE) erhalten, um dann die Nachrüstung von Bestandsfahrzeugen voranzutreiben.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)