20.12.2016

Von Gefühlen regiert?

Emotionen statt Fakten beherrschen die öffentliche Diskussionskultur. Nicht umsonst ist „postfaktisch“ gerade erst zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden ist. Wenn aber rationale Argumente versagen, wie können wir dann noch vernünftig miteinander debattieren? Diese Frage dürfte derzeit auch viele Kommunalpolitiker umtreiben.

Frankfurter Römerberg mit Rathaus

Als die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) Anfang Dezember bekannt gab, dass das Wort des Jahres „postfaktisch“ laute, dürfte das nur wenige Menschen wirklich überrascht haben. Wie kaum ein anderer Begriff hat dieses Schlagwort die gesellschaftliche Debatte der letzten Monate bestimmt. Das deutsche Kunstwort, abgeleitet vom englischen Pendant „post truth“, markiere einen tiefgreifenden politischen Wandel, begründet die GfdS ihre Wahl. Immer größere Bevölkerungsschichten seien in ihrem Widerwillen gegen „die da oben“ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. „Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ‚gefühlten Wahrheit‘ führt im ‚postfaktischen Zeitalter‘ zum Erfolg“, so die Vereinigung von Sprachwissenschaftlern.

Volksvertreter unter Beschuss

In der Tat war 2016 kein gutes Jahr in Sachen politische Rhetorik. Sowohl die Volksabstimmung über den sogenannten „Brexit“ in Großbritannien als auch der US-Wahlkampf waren von Unwahrheiten und sprachlichem Populismus geprägt. Der neugewählte amerikanische Präsident Donald Trump konnte mit schlichten Vereinfachungen und Elitenschelte punkten. Zugleich sind Verbalattacken auf etablierte Politiker und Medien nicht nur in der Anonymität der sozialen Netzwerke an der Tagesordnung. Auch in öffentlichen Veranstaltungen sieht sich manch Volksvertreter häufiger als früher unter Beschuss empörter Bürger. Tiefes Misstrauen und Manipulationsvorwürfe beherrschen vermehrt die Diskussionen. Wie lässt sich in diesem aufgeheizten Klima überhaupt noch vernünftig debattieren?

Runde Tische wiederbeleben

Eine Frage, die alles andere als leicht zu beantworten ist. Nur so viel steht fest: Dialog muss in einer demokratischen Gesellschaft das Mittel der Wahl bleiben. Der Verband der Redenscheiber deutscher Sprache (VRdS) schlägt vor, die Kultur der Runden Tische in neuer Form wiederzubeleben. Diese informellen Gremien waren einst während der friedlichen Revolution in der DDR entstanden, um Vertrauenskrisen und Konflikte zwischen Institutionen und Bürgern zu überwinden. „Wir müssen wieder miteinander ins Gespräch kommen, statt weiter übereinander zu reden und aufeinander herumzuhacken“, fordert VRdS-Präsidentin Jacqueline Schäfer. Zuhören, argumentieren und nicht vorverurteilen sei das Gebot der Stunde. Ein Plädoyer, das im neuen Jahr möglicherweise auch dem einen oder anderen Bürgermeister als Anregung dienen kann.

www.nicola-karnick.de

Autor: Nicola Karnick (Nicola Karnick ist Redenschreiberin und Autorin von "Praktische Redenbausteine für Bürgermeister".)