28.03.2019

Uhrzeit – Freund oder Feind?

Die Zeitumstellung führt uns zweimal im Jahr vor Augen, dass die Uhrzeit keine absolute Größe ist, sondern eine Struktur, die wir uns selbst geben. Das tut gut. Passt die Uhrzeit aber auch mit unserer biologischen Uhr zusammen? Anders gefragt: Ist sie Freund oder Feind?

Rotes Rathaus Berlin

Im Sommer 2018 stimmten 80 Prozent der Teilnehmer einer EU-Umfrage für die Abschaffung der Zeitumstellung. Von den 4,6 Millionen Abstimmenden stammen mehr als 3 Millionen aus Deutschland, ausgerechnet von jener Nation, die als Hort der Pünktlichkeit gilt. Kann es sein, dass sich hier eine kleine Revolution zusammenbraut? Ein Aufbegehren gegen das gnadenlose Ticken des Sekundenzeigers, der uns stets antreibt? Schließlich hatte noch bis 1893 jeder Ort in Deutschland seine eigene Zeit: In Berlin, Hamburg und München gingen die Uhren anders. Die Vereinheitlichung der Uhrzeiten wiederum war – wenig erstaunlich – eine Voraussetzung für gemeinsames Arbeiten und Wirtschaften. Effizienz. Dafür steht die Uhr noch heute. Zeit ist Geld.

Zeit hat man nicht, die nimmt man sich!

Umso erstaunlicher ist es doch, wie viel Zeit der moderne Mensch für manche Dinge dann doch übrig hat. Wie beispielsweise für das Surfen im Internet. Wo doch die Zeit, so ist allgemein bekannt, unser knappstes Gut ist. Verabredungen auch mit guten Freunden wollen Monate im Voraus geplant sein. Fernreisen oder Elternzeiten gar Jahre. Andererseits kann man sich dann doch immer etwas Zeit nehmen. Und was tut man da? Meist Dinge, die nichts mit Effizienz und Leistung zu tun haben, will sagen: Social Media. Inhaltslose Daddelei. Zeit hat man also nicht – die nimmt man sich.

Uhrzeit gleich Lebenszeit

Ganz so fest, so feindlich scheint also die Struktur doch nicht zu sein. Zeit ist mitunter unendlich vorhanden – zumindest bis zu unserem Ende. Die biologische Uhr ist es ja eigentlich, die unser Leben bestimmt. Und um die geht es auch bei der Diskussion rund um die Zeitumstellung: Stimmt unsere Uhrzeit noch mit unserem Lebensrhythmus überein? Messen wir mit unserer Uhrzeit die sinnvollen Zeiträume für die entsprechenden Aufgaben zu den gegebenen Tageszeiten? Spannende Fragen.

Für Sie als Entscheider über die Strukturen und Rhythmen in Ihrer Gemeinde dürfte diese Diskussion noch in anderer Hinsicht interessant sein: Was sind die Bedürfnisse Ihrer Gemeinde, in Ihrem Rathaus? Ist es an der Zeit, Arbeitszeitmodelle zu überdenken? Welche (Öffnungs-)Zeiten machen Sinn? Dafür bedarf es keiner EU-Direktive. Die Lebensqualität Ihrer Gemeinde in zeitlicher Hinsicht zu überdenken – dafür soll Ihnen dieser Text ein Anstoß sein. Ist die Zeit also Freund oder Feind? Sie ist, was man daraus macht. Machen Sie die Zeit zum Freund!

Autor: Magdalena Herbrecht (Magdalena Herbrecht ist Kulturwissenschaftlerin und Fachjournalistin für Energie/Nachhaltigkeit.)