Fachbeitrag | Information
25.02.2016

Sprich lauter! Ein Lob der Wutrede

Konziliant, besonnen, nüchtern: Eine Demokratie braucht den sachlichen Austausch von Meinungen und Argumenten. Doch manchmal darf auch Volksvertretern der Kragen platzen. Gepfefferte Auftritte geben dem Politikbetrieb schließlich erst seine Würze. Und was wäre ein Parlament ohne gelegentliche Brandreden.

Mann mit Megaphon© Thinkstock /​ iStock /​ RyanKing999

Herbert Wehner verstand sich darauf, Franz-Josef Strauß sowieso, aber auch Größen wie Joschka Fischer, Ottmar Schreiner und Horst Ehmke: Politiker dieses Schlages redeten sich bei ihren Auftritten gern in Rage. Unvergessen sind die wortgewaltigen Tiraden der Parlamentarier, für die sie nicht selten zur Ordnung gerufen wurden. Wo früher ordentlich Dampf abgelassen und mit Beschimpfungen des politischen Gegners nicht gespart wurde, herrscht heute eine eher moderate Debattenkultur. Vergleichsweise zahm geht es in deutschen Parlamenten zu. Es dominiert der gepflegte, sachbezogene Meinungsaustausch ohne große Emotionen, der aber eben auch ein wenig langweilig ist.

Rhetorische Sternstunde

Manchmal aber bricht sich die Lust an der politischen Verbalattacke doch Bahn. So zum Beispiel Ende Januar, als FDP-Chef Christian Lindner im Düsseldorfer Landtag zu einer Brandrede auf die „Alternative für Deutschland“ (AfD) ansetzte. Sein Rundumschlag gegen die Rechtspopulisten und den Umgang der demokratischen Eliten mit der erstarkenden Partei geriet zu einer Sternstunde der Redekunst – und anschließend zu einem viralen Hit, der im Internet tausendfach geteilt und angeklickt wurde. Kein Wunder, denn der Bundesvorsitzende der Liberalen wartete bei seinem Auftritt mit allem auf, was parlamentarische Debatten der Gegenwart allzu oft vermissen lassen: mit der unbestrittenen Faszination des frei gesprochenen Wortes, mit intellektueller Angriffslust und mit einer glasklaren, mitreißenden Rhetorik.

Attacke gut begründen

Für seine gut achtminütige Wutrede erntete Lindner jede Menge Beifall, und zwar keineswegs nur aus den eigenen Reihen. Die Resonanz zeigt: Auch im routinierten Politikbetrieb gibt es offenbar ein Bedürfnis nach großen Gefühlen und echter Leidenschaft – und nicht minder bei der Wählerschaft. Sich Luft verschaffen und Kontroversen auch einmal lautstark befeuern: Volksvertreter, die sich das gelegentlich erlauben, nehmen ihr Mandat durchaus ernst. Schließlich kann ein Temperamentsausbruch zum richtigen Zeitpunkt Debatten und damit den Prozess der politischen Willensbildung bereichern. Die große Kunst liegt indes darin, bei aller Schärfe im Ton nie die Grenze zur Polemik zu überschreiten oder persönlich beleidigend zu werden. Wer vom Leder zieht, sollte das inhaltlich gut begründen. Auch mit Furor vorgetragene Argumente müssen sitzen und den Adressaten der Kritik in der Sache präzise treffen. Das ist keine leichte Übung. Schon der griechische Philosoph Aristoteles wusste: „Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.“

Autor: Nicola Karnick 

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