20.12.2017

Ohne Nachhall

„Jamaika-Aus“ wurde zum Wort des Jahres 2017 gekürt. Verdient? Darüber lässt sich trefflich streiten. Politisch hat das Scheitern der schwarz-gelb-grünen Koalitionsverhandlungen zwar für enormen Wirbel gesorgt. Die Halbwertszeit des Begriffs war indes überschaubar. Ein Kommentar.

Vote

Wir leben in einer Zeit wachsender Sensibilität für Sprache. Mit entsprechender Spannung wurde Anfang Dezember die Verkündigung des Wortes des Jahres durch die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) erwartet. Dass ausgerechnet „Jamaika-Aus“ das Rennen gemacht hat, wurde allerdings eher mit Achselzucken denn mit Beifall quittiert. „Eine feige Entscheidung“ nennt gar die Süddeutsche Zeitung (SZ) das Votum der Jury. Begriffe wie „Ehe für alle“, „Obergrenze“ oder das Hashtag #MeToo stünden für weit größere gesellschaftliche Diskussionen. Allesamt hatten sie es zwar unter die Top Ten, aber überraschenderweise keines davon auf den Siegerplatz geschafft. Dass die Wahl auf „Jamaika-Aus“ gefallen sei, zeige, wie ängstlich in Deutschland inzwischen debattiert werde, kritisierte die SZ.

Den Nerv getroffen?

Gemessen am eigenen Anspruch erscheint die Entscheidung der GfdS in der Tat wenig überzeugend. Der Titel „Wort des Jahres“ gebühre „Wörtern und Wendungen, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines Jahres sprachlich in besonderer Weise bestimmt haben“, heißt es bei der Wiesbadener Vereinigung zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. Auch wenn die Folgen für die Regierungsbildung dramatisch waren: Hat „Jamaika-Aus“ tatsächlich den sprachlichen Nerv der Zeit wie kein anderer Begriff getroffen in diesem Jahr? Wohl kaum. Denn mit dem Platzen der Koalitionsgespräche zwischen Konservativen, Liberalen und Grünen verschwand auch die plakative Benennung rasch wieder aus dem Blickfeld.

Geeignetere Aspiranten

Es gibt eine Reihe von Wörtern, die das zu Ende gehende Jahr weitaus nachhaltiger geprägt haben. Man denke allein an die allgegenwärtige „Digitalisierung“ oder auch die Wendung „künstliche Intelligenz“ – zwei Begriffe, die Schlagzeilen, Reden und öffentliche Diskussionen beherrschten. Falls auch Sie mit dem diesjährigen Favoriten der GfdS hadern: Schon in wenigen Wochen wird eine sprachkritische Initiative um die Frankfurter Germanistikprofessorin Nina Janich das jährliche Unwort des Jahres bekanntgeben. Noch bis zum 31. Dezember können Sie eigene Vorschläge für die Negativversion 2017 einreichen.

Welches ist Ihr persönliches Wort des Jahres? Und welcher Begriff hat Ihrer Meinung nach den Titel „Unwort“ verdient? Schreiben Sie der Autorin unter post@nicola-karnick.de.

www.nicola-karnick.de

Autor: Nicola Karnick (Nicola Karnick ist Redenschreiberin und Autorin von "Praktische Redenbausteine für Bürgermeister".)