20.03.2020

Heute schon im Wald gebadet?

Der Rückzug aus den urbanen Aktivitäten lädt auch dazu ein, mehr in den Wald zu gehen. Denn der Wald bietet nicht nur Ruhe und Natur, sondern fördert in großem Maße das physische und psychische Wohlbefinden, wie ein neuer Trend bestätigt. Dieser neue Trend aus Japan nennt sich Waldbaden.

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Die Wirkung des Waldes ist außerordentlich – schon das Betreten des Waldes lässt unser Herz ruhiger schlagen, senkt den Blutdruck und reduziert die Produktion der Stresshormone. Davon sind Wald-Experten wie Peter Wohlleben überzeugt und berufen sich vor allem auf ihre „Bibel“ unter dem Titel Shinrin Yoku – Heilsames Waldbaden von Yoshifumi Miyazaki. Der japanische Professor hatte in den 1980er-Jahren untersucht, wie beim achtsamen Waldspaziergang die Düfte der Bäume Körper und Geist beruhigen, den Stresspegel senken und das Immunsystem stärken.

In ihrem Buch Eintauchen in den Wald (Hanser) erzählt eine weitere japanische Waldkennerin, Miki Sakamoto, wie wir mit Waldspaziergängen stressfreier und gesünder leben. Mit Waldbaden kommen wir zu neuer Energie: Nur im Wald fällt alle Unruhe von uns ab. Wir atmen die heilenden Aromen ein und nehmen die Eindrücke mit allen Sinnen auf. Über Jahrzehnte entwickelt die in Bayern lebende Japanerin und Frau des Biologen Josef H. Reichholf ihre spezielle Kunst des Waldspaziergangs. Sie vereint die Lehre des Shinrinyoku (japanisch für Waldbaden) mit dem Buddhismus und dem Nature Writing.

Seit Langem gilt Waldbaden in Japan als anerkannte Stressmanagement-Methode und ganzheitliche Präventionsmaßnahme und wird vom japanischen Gesundheitswesen gefördert. Das „Zentrum für Waldtherapie“ erfreut sich Millionen von Besuchern jährlich und sogar Universitäten bieten bereits die fachärztliche Spezialisierung „Waldmedizin“ an. Waldforscher wie Qing Li haben in jüngsten Forschungen herausgefunden, dass die Boten- und Duftstoffe der Bäume, die wir über die Lunge und die Haut aufnehmen, unser Killerzellen und damit unser Immunsystem stärken. Qing Li ist sogar davon überzeugt, dass Menschen, die einen Tag im Wald verbringen, bis zu sieben Tage lang mehr natürliche Abwehrzellen im Blut haben als normal. Auch ein kurzer entspannter Spaziergang von einer Stunde würde bereits die Gesundheit fördern, indem Blutdruck, Puls und Stresshormone sinken.

Der Wald unterstützt also unsere Gesundheit und bietet eine Art von Waldmedizin durch Aroma- und Anti-Stress-Therapien. Auch hierzulande findet der Wald immer mehr Anhänger. Auf Usedom ist vor wenigen Jahren ein europäischer Kur- und Heilwald entstanden. Auch bei Rostock gibt es bereits seit längerer Zeit einen „Heilwald“ und in Berlin plant ein Krankenhaus einen Waldbadepfad am See. Zertifizierte „Wald-Bademeister“ sind mehr und mehr im Einsatz. Sie unterrichten Waldbaden-Neulinge in der Kunst des bewussten, langsamen Waldspaziergangs ohne Ziel und festen Plan, das tiefe Durchatmen, Hören des Blätterrauschens und Klären der Gedanken. Statt Wanderführungen, Pflanzenexkursionen oder Überlebenstrainings stehen sanfte Bewegungen, Achtsamkeitstrainings und Meditationen ohne Leistungsdruck im Vordergrund. Es geht ums Wahrnehmen von Formen, Farben, Geräuschen.

Forscher sind sich noch nicht einig, was sich genau im Wald und wie niederschlägt, gefragt sind noch mehr beweisführende Studien. Sind es die Bäume mit ihren ätherischen Ölen und die grüne Farbe, oder positive Kindheitserfahrungen im Wald? Denn dass der Wald wirkt, darin zweifelt kaum jemand mehr. Für die Japaner ist der Wald längst, was er für auch für Europäer immer mehr bedeuten könnte. Ein fester Bestandteil an Natur im Alltag der Menschen, einer, der ablenkt, den Kopf frei werden lässt und den Körper stärkt.

Autor: Andrea Brill (Andrea Brill ist Pressereferentin und Fachjournalistin für Garten- und Landschaftsarchitektur.)