28.11.2019

Gedanken zum Advent

Im Advent ist die richtige Zeit, um sich Geschichten zu erzählen – auch am Arbeitsplatz, auch zwischen Kollegen. Geschichten bleiben ganz anders im Sinn als plumpe Motivationsfloskeln oder Kalendersprüche. Geschichten berühren. Hängen Sie doch einmal in die Teeküche eine Geschichte, die Ihre Mitarbeiter zum Nachdenken anregt. Zum Beispiel diese: Ansprache einer Kerze.

Ladenöffnung Sonntag Weihnachtsmarkt

Ihr habt mich angezündet und schaut – nachdenklich oder versonnen – in mein Licht. Vielleicht freut ihr euch auch ein bisschen dabei. Ich jedenfalls freue mich, dass ich brenne. Würde ich nicht brennen, läge ich in einem Karton mit anderen Kerzen, die auch nicht brennen. In so einem Karton haben wir überhaupt keinen Sinn. Da liegen wir nur herum.

Einen Sinn habe ich nur, wenn ich brenne. Und jetzt brenne ich. Aber seit ich brenne, bin ich schon ein kleines Stück kürzer geworden. Das ist schade, denn ich kann mir ausrechnen, wann ich nur noch ein kleines Stümpfchen bin. Aber so ist das – es gibt nur zwei Möglichkeiten:

Entweder ich bleibe ganz und unversehrt im Karton, dann werde ich nicht kürzer, dann geht mir überhaupt nichts ab – aber dann weiß ich nicht, was ich eigentlich soll. Oder ich gebe Licht und Wärme, dann weiß ich, wofür ich da bin. Ich muss also etwas geben von mir selbst, mich selbst. Das ist schöner, als kalt und dunkel im Karton zu liegen.

So ist das auch bei euch Menschen, genau so. Entweder ihr bleibt für euch, dann passiert euch nichts, dann geht euch nichts ab, aber dann wisst ihr eigentlich auch nicht so recht, warum ihr da seid. Dann seid ihr wie Kerzen im Karton. Oder ihr gebt Licht und Wärme. Dann habt ihr einen Sinn. Dann freuen sich die Menschen, dass es euch gibt. Dann seid ihr nicht vergebens da. Aber dafür müsst ihr etwas geben: von euch selbst, von allem, was in euch lebendig ist: von eurer Freude, eurer Herzlichkeit, von eurer Treue, eurem Lachen, eurer Traurigkeit, von euren Ängsten, euren Sehnsüchten, von allem, was in euch ist.

Ihr braucht keine Angst zu haben, wenn ihr dabei kürzer werdet. Das ist nur äußerlich. Innen werdet ihr immer heller. Denkt ruhig daran, wenn ihr eine brennende Kerze seht, denn so eine Kerze seid ihr selbst. Ich bin nur eine kleine, einzelne Kerze. Wenn ich allein brenne, ist mein Licht nicht groß und die Wärme, die ich gebe, ist gering. Ich allein – das ist nicht viel. Aber mit anderen zusammen ist das Licht groß und die Wärme stark. Bei euch Menschen ist das genauso: Einzeln, für euch genommen, ist das Licht nicht gewaltig und die Wärme klein. Aber zusammen mit anderen seid ihr ein großes Licht!

(„Ansprache einer Kerze“, Autor unbekannt)

Autor: Magdalena Herbrecht (Magdalena Herbrecht ist Kulturwissenschaftlerin und Fachjournalistin für Energie/Nachhaltigkeit.)