26.02.2019

Gebt Kultur Raum! Aber ehrlich.

Kultur braucht Raum und Kultur muss im Zweifel auch von öffentlicher Hand unterstützt werden. Das ist Konsens – man denke nur an die Subvention unserer Opern- und Theaterhäuser. Doch was ist mit der Kultur jenseits des Mainstreams? Was ist mit Künstlern, die nicht die große Masse ansprechen, aber dennoch (und deswegen) die Atmosphäre einer Stadt ausmachen?

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Die viel beschriebene Subkultur. Diese Szene organisiert sich selbst, wächst selbst, entfaltet sich in Nischen. Nischen braucht es. In Städten aber, die maximal nachverdichtet sind, müssen der unabhängigen Kunst- und Kulturszene dann von der Stadt Räume zur Verfügung gestellt werden. Klingt gut. Passiert auch – ist aber manchmal ein Schuss in den Ofen.

Beispiel München: Seit Mitte 2016 steht das „Haus der Gesundheit“ leer. 9000 Quadratmeter in bester Lage. Ein Traum? Nein! Der erste Stock sowie der alte Heizungskeller und die Tiefgarage befinden sich in einem verwahrlosten Zustand – heraushängende Kabel, rissige Wände, vermüllte Zimmer. Verdreckte Außenfassade, abgehangene Fenster. Und nun kommt Trick 17 der öffentlichen Hand: Mit großzügiger Geste schreibt die Stadt, statt sich selbst um den schwer sanierungsbedürftigen Bau zu kümmern, das Haus für eine fünfjährige Zwischennutzung durch Kultur und Gastronomie aus. Und natürlich: Die ausgehungerte Subkultur steht Schlange. Das Kommunalreferat spricht von mehreren „tollen Zwischennutzungskonzepten“, die bereits eingereicht wurden. Und dabei soll – egal wie gut das Konzept, egal wie aufwendig die Instandsetzung und egal wie geliebt die neue Nutzung von den Bürgerinnen und Bürgern sein wird – das Haus im Anschluss abgerissen werden. Die Zwischennutzung kann sich also per se schon nicht lohnen. Weder finanziell noch ideell. Es ist so traurig. Es ist so traurig, dass die Subkultur selbst so wohlhabender Städte wie München sich mit den letzten Brocken, die ihr hingeworfen werden, zufriedengeben muss und sie auch noch feiert. Und nein, das ist keine Win-win-Situation.

Ganz bitter auch: Während die Stadt die Konzepte liest, in denen sich die Subkultur die Blöße gibt, sich anbiedert, sich weit unter Wert verkauft, zerstört die Stadt selbst erstmal weiter das vermeintliche „Objekt der Begierde“. Denn tatsächlich gibt es zur Zeit noch einen regelmäßigen Nutzer des Geisterhauses. Das Landeskriminalamt übt hier taktische Szenarien wie Gebäuderäumungen bei Geiselnahmen oder Terrorangriffen – geschossen wird mit Farb­patronen. Das erklärt die Flecken an der Wand und die abgehangenen Fenster.

Subkultur braucht Stadt. Stadt braucht Subkultur.

Nur ist die Wechselseitigkeit dieser Beziehung ins Hintertreffen geraten. Daher an dieser Stelle ein Appell an alle Gemeinden, die sich über Kulturförderung Gedanken machen: Agieren Sie auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt! Bitte. Ansonsten muss sich keiner wundern, wenn junge Menschen abwandern und spannende, fruchtbare Szenen sich gar nicht erst etablieren.

Autor: Magdalena Herbrecht (Magdalena Herbrecht ist Kulturwissenschaftlerin und Fachjournalistin für Energie/Nachhaltigkeit.)