25.09.2017

Bundesliga der politischen Rhetorik

Deutschland hat ein neues Parlament gewählt. In den zurückliegenden Wahlkampfwochen hatte die öffentliche Rede Hochkonjunktur. Wenn Volksvertreter um die Gunst der Wähler ringen, ist das immer auch ein rhetorischer Wettstreit. Was Sie von den Wortführern aus der Bundespolitik lernen können.

Mikrofon mit Publikum

Der Wiedereinzug der FDP in den Bundestag ist geglückt – und das sogar mit Aussicht auf Regierungsbeteiligung. Hat die Partei das fulminante Comeback auch dem rednerischen Talent ihres Spitzenkandidaten zu verdanken? So viel steht fest: Christian Lindner ist ein begabter Rhetoriker. Der Liberale redet so gewinnend, dass ihn der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) zum besten Redner des Bundestagswahlkampfes 2017 gekürt hat. Den zweiten Platz im politischen Rhetorikwettstreit teilen sich Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Grünen-Frontmann Cem Özdemir. Damit hätten erneut die kleinen Parteien rhetorisch Maßstäbe gesetzt, so der VRdS. Im letzten Rednerwettstreit im Wahljahr 2013 hatte mit Gregor Gysi ein Politiker der Linken den Siegertitel errungen. Was ist das Erfolgsrezept der besten Redner? Mit welcher Rhetorik punkten sie bei Publikum und Experten?

Klartext mit einer Prise Spott

Christian Lindner habe vor allem durch die „Kunst der seriösen Vereinfachung“ überzeugt, heißt es beim Redenschreiberverband. Der FDP-Mann ziehe seine Zuhörer mit einer lebendigen und abwechslungsreichen Sprache in den Bann. Dazu gehöre auch „humorvoller Spott“, so der VRdS. Mit seinem Lob steht der Verband nicht allein. Auch im aktuellen Rednercheck der German Speakers Association (GSA) kommt die Rhetorik des FDP-Politikers gut weg. „Er ist der einzige, der nachvollziehbar kämpferisch ist“, urteilt Gerriet Danz in einem Videokommentar über Lindners Rede- und Argumentationsstil. Selbst die linke Tageszeitung „taz“ kann sich seiner Redekunst nicht entziehen. Der Liberale sei ein „exzellenter Rhetoriker“, der Ethos, Pathos und Logos gleichermaßen beherrsche, analysierte jüngst das Blatt. An dieser klassischen Trias darf sich jeder politischer Redner orientieren. Gute Ansprachen überzeugen, indem sie auf glaubwürdige Weise ebenso ans Gefühl wie an den Verstand der Zuhörer appellieren. Eine agile Rednerin ist aus Sicht des VRdS auch Sahra Wagenknecht. Die Zweitplatzierte im Verbands-Ranking habe „nachvollziehbar, druckreif, lebendig und frei“ im Wahlkampf gesprochen, so die Jury.

Mal ganz offen gesprochen

Bei politischen Reden kommt es jedoch nicht allein auf die Sprechkunst an; auch die äußeren Bedingungen können wichtige Signale senden. Was auffällt: Mehr und mehr Spitzenpolitiker verabschieden sich bei wichtigen Reden vom traditionellen Setting mit Pult. Offene Formate, wie souveräne Redner wie Cem Özdemir und Christian Lindner sie bevorzugen, suchen bewusst die Nähe zum Publikum und laden es zum Dialog ein. Eine Anregung auch für Kommunalpolitiker? Eines ist klar: Wer sich für eine solche Form des Vortrags entscheidet, sollte die entsprechenden Erwartungen seiner Zuhörer auch einlösen können. Dazu bedarf es Spontaneität, Schlagfertigkeit und einer gewissen Nahbarkeit – aber auch der Fähigkeit, auf unbequeme Fragen der Bürger mit Gelassenheit und Substanz antworten zu können.

www.nicola-karnick.de

Autor: Nicola Karnick (Nicola Karnick ist Redenschreiberin und Autorin von "Praktische Redenbausteine für Bürgermeister".)