26.06.2018

Bullshit! Von Humbug, Affen, Kugelschreibern und anderem Unsinn in Vorträgen, Seminaren und Weiterbildungen

„Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns!“ Wie oft haben Sie diesen oder ähnliche Sätze schon mal gehört? Ich höre sie fast in jeder Fortbildung und, ja!, auch ich habe sie wiederholt. Gerade wenn Menschen vermeintliche Tatsachen immer wieder und wieder hören, greift ein einfacher Mechanismus im Denken: Was viele machen (behaupten), kann nicht falsch sein. Eine Aussage liegt uns immer wieder mal vor, also denken wir uns (so wie ich das mal getan habe): „Dann muss es ja stimmen. Richtig?“ Falsch! Wie Sie Bullshit erkennen und wie Sie ihm begegnen, erfahren Sie hier.

Sprechblase

Von Effizienz zu Bullshit

Ihr Rathaus muss effizienter werden? Kein Problem! Ein Trainer, Consultant oder Coach wird bestellt, ein Seminar für die Führungsmannschaft und anschließend für die gesamte Belegschaft organisiert, und los geht’s: Ein intelligenter, meist junger und gut gekleideter Mensch tritt vor Sie und erzählt folgende Geschichte: „Als die NASA zum Mond fliegen wollte, brauchten sie in den Raumkapseln natürlich Kugelschreiber. Dumm nur, dass die Tinte in den Kugelschreibern in der Schwerelosigkeit nicht so recht funktionieren wollte. Also ließ die NASA einen Stift entwickeln, der immer unter Druck steht und somit auch in der Schwerelosigkeit des Weltraums funktioniert. Die UdSSR sah ihre Kosmonauten vor dem gleichen Problem und gab ihnen einen Bleistift mit auf den Weg. Das eine kostet knapp 1 Mio. Dollar, das andere fast nichts. Sie sehen: Effizienz setzt beim Lösen von Problemen schon im Kopf an“… usw. Um gleich eines vorwegzunehmen: Der junge Mensch auf der Bühne macht das in bester Absicht und ohne zu lügen. (Dafür müsste er ja die Wahrheit kennen und sie bewusst verschweigen.) Er macht das auch nicht aus Unwissenheit oder Naivität: Er kennt schlicht nicht die Fakten und hat in seiner Ausbildung die Geschichte selbst Hunderte Male gehört und dann einfach selbst weitererzählt.

Was bedeutet „Bullshit“?

Harry G. Frankfurt, Professor für Philosophie, hat bereits 2004 mit „Bullshit!“ ein Werk vorgelegt, das sich mit der Unterscheidung zwischen Bullshit, Lügen und Humbug beschäftigt. Darauf sei an dieser Stelle als Quelle verwiesen. Ein neues Werk zu diesem Thema legen hingegen Ebert und Wirl, beide selbst erfahrene Trainer und Weiterbildner, in diesen Tagen vor. Hier definieren sie Bullshit als eine kommunikative Strategie, in der Geschichten, die in ihrem Kern nicht der Wahrheit entsprechen, teilweise wider besseres Wissen eingesetzt werden, um ein scheinbar höheres Ziel oder eine höhere Absicht zu verfolgen. Die Realitätsleugnung dient also immer einem individuellen Ziel: Aufrichtigkeit schlägt im Zweifelsfall die Korrektheit der Fakten!

Was Sie brauchen? Einen Bullshit-Detektor

Die beiden Autoren Ebert und Wirl schlagen eine kleine Checkliste zum Umgang mit Bullshit vor (Ebert/Wirl 2018, S. 189):

  1. Checken Sie die Vertrauenswürdigkeit der Quelle(n)
    Vertrauenswürdig sind Quellen immer dann, wenn sie von Institutionen mit einer langen wissenschaftlichen Forschungsgeschichte mit einem exzellenten Ruf stammen. Das Leibniz-Institut ist eine andere Kapazität als ein im Eigenverlag erscheinender Einband.
  2. Checken Sie die Plausibilität der Quelle
    Ist die Ihnen vorliegende Aussage plausibel, schlüssig und durch seriöse Quellen nachprüfbar?
  3. Wie steht die anerkannte Fachwelt dazu?

Neue Erkenntnisse werden von einem Fachpublikum nie einfach abgelehnt, bloß weil sie neu sind. Neue Erkenntnisse werden immer von einem seriösen Kreis von Wissenschaftlern einer kritischen, aber nachvollziehbaren Prüfung unterzogen. Daran zeigt sich seriöse Wissenschaft – und im Umkehrschluss eben auch Bullshit.

Quelle
Wirl, Christoph/Ebert, Axel: Bullshit Busters. 2018

Autor: Benjamin Heimerl (Benjamin Heimerl ist Wahlkampfberater und Autor von „Praktische Redenbausteine für Bürgermeister“.)