News | Geschäftsführung Betriebsrat 31.10.2016

Wöhrl-Betriebsrat kritisiert Unternehmensführung

Hertie, Karstadt, Kaufhof – die Großen erwischt es, die Kleinen kommen davon. So schien es lange. Doch nun kommt mit dem Modehaus Wöhrl ein Familienunternehmen für Bekleidung in Bedrängnis. Ihm droht Insolvenz. Nicht ohne Mitschuld der Chefetage, kritisiert der Gesamtbetriebsrat.

Geschäftsführung Betriebsrat. Das Modehaus Rudolf Wöhrl will mit einer Sanierung in Eigenregie eine drohende Insolvenz verhindern. Die Hauptversammlung des Nürnberger Textilhandelsunternehmens mit knapp 2000 Mitarbeitern habe dafür ein Schutzschirmverfahren beschlossen, teilte die Rudolf Wöhrl AG im September mit. So will man die Wöhrl Gruppe als Ganzes erhalten und nachhaltig in die Profitabilität zurückzuführen.

An den Mitarbeitern vorbei

Offenbar will man dies an den Mitarbeitern vorbei erreichen. So jedenfalls der Vorwurf des Wöhrl-Gesamtbetriebsrates an die Unternehmensführung. Auf einer Demo vor dem Nürnberger Stammhaus vergangene Woche machte er einem Bericht der Regionalplattform „nordbayern“ (nb) zufolge seinem Ärger Luft. Er drohte weitere Aktionen an für den Fall, dass die Mitarbeiter bei der Sanierung weiter außen vor gelassen würden.

Gemeinsam mit rund 15 Betriebsräten von München bis Berlin fanden sie sich demnach mit roten Gewerkschaftsschirmen und reichlich Ärger auf der Seele vor dem Nürnberger Stammhaus ein. So hofften sie, die Unternehmensführung von Wöhrl dazu zu bringen, Vertreter der Mitarbeiter an den Tisch zu holen.

Mitarbeiter wollen gehört werden

Sie fordern Information über geplante Maßnahmen und wollen, dass man auch auf ihren Rat hört. „Wir sind diejenigen, die seit Jahrzehnten mit den Kunden zusammenarbeiten“, zitiert nb Gabriele Ziegler, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi. „Aber das Unternehmen will uns nicht hören, setzt stattdessen voll auf die Investorensuche.“

Tragfähige Konzepte fehlen

„Uns fehlen tragfähige Konzepte für die Zukunft“, sagt Ziegler. Nach den Planungen der Unternehmensleitung sollen die operativen Geschäfte an den 34 Standorten der Gruppe in Ost- und Süddeutschland zunächst ohne Einschränkungen weiterlaufen. Man wolle das Online-Geschäft ausbauen, defizitäre Filialen ohne Wachstumspotenzial jedoch schließen. Hier werden insbesondere die Standorte Roth, Langwasser, München und Berlin genannt.

„Das ist furchtbar und grausam“, kommt Sabine Dötsch zu Wort, Betriebsrätin der auf der Liste stehenden Münchner Filiale. Die Mitarbeiter seien per Rundschreiben über die bevorstehende Kündigung informiert worden mit dem Vermerk, man könne sich in anderen Häusern bewerben. Dötsch: „Aber wo bitte? Wenn wir nicht wissen, wer der nächste Kandidat für die Streichungsliste ist?“

Das Insolvenz-Schutzschirmverfahren schützt in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger. Betriebe müssen währenddessen keine Insolvenz anmelden. Die Geschäftsführung kann das Unternehmen weiter verantwortlich lenken und selbstständig sanieren. Ihr wird allerdings ein Anwalt als Sachwalter und externer Berater zur Seite gestellt.

Gesamtbetriebsrat will Druck erhöhen

Der Gesamtbetriebsrat ist entschlossen, den Druck auf die Unternehmensleitung zu erhöhen, falls diese ihre Informationspolitik nicht ändert. Dabei denkt man an alle Möglichkeiten – bis hin zur Eskalationsstufe, so Ziegler. Und die werde man gegebenenfalls voll ausnutzen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)