News | Arbeitsrecht
01.02.2016

Wissenschaftler fordern über zehn Euro Mindestlohn

Das Lob über den vor einem Jahr eingeführten Mindestlohn ist weitgehend einhellig. Vor diesem Hintergrund wird über eine Anhebung nachgedacht. Sie soll Anfang 2017 erfolgen. Als Orientierungsgröße gilt die Entwicklung der Tariflöhne. Doch das dürfte nicht reichen, mahnen Wissenschaftler.

Erhöhung Mindestlohn© mapoli-photo /​ fotolia.com

Tarifindex des Statistischen Bundesamtes

Arbeitsrecht. Ausschlaggebend wäre der Tarifindex des Statistischen Bundesamtes. Danach stiegen die Tariflöhne 2014 und 2015 insgesamt um 5,5 Prozent. Das hieße für den Mindestlohn: Er müsste von jetzt 8 Euro 50 auf etwa neun Euro angehoben werden. Zu wenig jedenfalls dann, wenn nicht auch andere Parameter zu Rate gezogen würden, meinen die Wissenschaftler des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Mindestschutz der Arbeitnehmer

Ein solches Mindestlohnniveau müsste tatsächlich einen „angemessenen Mindestschutz“ der Arbeitnehmer gewährleisten. Das schreibt das Gesetz vor. Für eine Abwägung sehen die Forscher verschiedene relevante Orientierungsmarken:

  • Die Mindestlöhne in Westeuropa: Sie lägen derzeit alle oberhalb von neun Euro pro Stunde. Der französische Mindestlohn beträgt demzufolge sogar mehr als einen Euro über dem deutschen Niveau.
  • Der Mindestlohn in Bezug auf den Medianlohn, also den durchschnittlichen Lohn: Auch hier ist der deutsche Mindestlohn zu niedrig. Er entspreche weniger als 50 Prozent des Medianlohns in Deutschland, teilten die Wissenschaftler jetzt vor der Presse in Berlin mit. Das ist ihrer Ansicht nach nicht mehr als „Armutslohn“.
  • Oberhalb der Marke von zehn Euro lägen auch die meisten tariflich vereinbarten Branchenmindestlöhne.

Erhöhung auf mehr als zehn Euro

In den Diskussionen um eine europaweit koordinierte Mindestlohnpolitik werde oft eine Untergrenze von 60 Prozent des Medianlohns im jeweiligen Land als „angemessen“ betrachtet. Für Deutschland würde dies eine Erhöhung auf mehr als zehn Euro bedeuten.

Mindestlohn schadet Arbeitsmarkt nicht

Der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hat der Mindestlohn nach Erkenntnis der Wissenschaftler unter dem Strich nicht geschadet. Die neue Untergrenze habe das Lohngefüge verändert. Dabei hätten – anders als in den Vorjahren – vor allem weniger gut qualifizierte Arbeitnehmer aufgeholt. Die Lohnentwicklung sei wesentlich ausgeglichener geworden.

Erhebliche Effekte

Noch nicht exakt sagen lasse sich bislang, wie viele Menschen letztendlich vom Mindestlohn profitiert haben. Gleichwohl deuteten überdurchschnittlich hohe Steigerungen in klassischen Niedriglohnbranchen auf „erhebliche Effekte“ hin. Potenziell betroffen seien nach Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) zwischen 4,8 und 5,4 Millionen Beschäftigte, die im Jahr 2014 noch einen geringeren Stundenlohn als 8,50 Euro hatten.

 

Autor: Friedrich Oehlerking 

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