14.04.2016

Wenn der Job krank macht

Der Druck, die Schnelligkeit, der Wandel und die Unsicherheit unserer Arbeitswelt machen immer mehr Menschen psychisch krank. In Deutschland betrifft das bereits jeden dritten Arbeitnehmer. Doch trotz der Häufigkeit haben die Betroffenen immer noch viel zu oft unter völlig veralteten Vorurteilen zu leiden.

Burn-out

Mitbestimmung. Spitzenreiter bei den psychischen Belastungen sind Burn-out und Depression. Und zumindest in der Wahrnehmung der Arbeitgeber liegen zwischen ihnen Welten. Denn während es zumindest bei Führungskräften ja fast zum guten Ton gehört, wenigstens einmal einen „ordentlichen“ Burn-out gehabt zu haben, wird die Depression voller Scham verschwiegen. Während ein Burn-out vermeintlich nur die Fleißigen und Starken betrifft, die für ihre Krankheit etwas „geleistet“ haben, gilt die Depression oft als „Krankheit der Schwachen“. Davon sind nur diejenigen betroffen, die eben einfach den Druck nicht aushalten und die gewissermaßen „selber schuld“ sind. Einen Burn-out zu haben, klingt da einfach viel besser. Psychologen und Psychiater weisen jedoch zu Recht immer wieder fast schon gebetsmühlenartig darauf hin, dass diese Wahrnehmung jeglicher Grundlage entbehrt.

Übersicht: Symptome der Depression

Anders als der zuweilen unklare Burn-out-Begriff ist die Depression recht klar definiert. Bei depressiven Menschen können wir sowohl körperliche Veränderungen als auch Veränderungen des Verhaltens und Erlebens beobachten: 

Verändertes Erleben:

Bei den Betroffenen dominieren Gefühle der Hoffnungslosigkeit: Hilflosigkeit, innere Leere, Schuld und Angst, Verzweiflung und Trauer, aber auch die Unfähigkeit, überhaupt noch Gefühle empfinden zu können. Depressiv Erkrankte entwickeln in vielen Fällen eine pessimistische Einstellung gegenüber sich selbst, den eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Aussehen und der Zukunft, verbunden mit starker Grübelneigung. Permanente Selbstkritik und Konzentrationsprobleme sind häufig, in schweren Fällen gibt es Suizidgedanken.

Verändertes Verhalten:

Die Patienten vermeiden soziale Kontakte, stellen Hobbys ein, können ihre Arbeit nicht mehr bewältigen und ziehen sich ins Bett zurück. Die Mimik und Gestik ist bei vielen Patienten wie erstarrt, die Stimme leise und monoton. Einige Patienten laufen rastlos, verzweifelt und wie getrieben hin und her (agitierte Depression). 

Körperliche Beschwerden:

Dazu zählen Schlaflosigkeit mit Früherwachen, Appetitstörung mit Gewichtsverlust, Libidoverlust, schnelle Ermüdung, multiple körperliche Beschwerden und oft auch Schmerzen. Gerade starke Rückenschmerzen zum Beispiel werden meist nicht mit einer Depression in Verbindung gebracht, treten dabei aber häufig auf.

Depression kann jeden treffen

Es kann nicht klar genug gesagt werden: Eine Depression kann jeden treffen. Sie ist kein Zeichen persönlicher Schwäche, sondern hat vielfältige Ursachen. Eine aktuelle Umfrage der European Depression Association (EDA) zeigt, dass in Europa etwa jeder zehnte Arbeitnehmer schon mal wegen einer Depression zu Hause geblieben ist. Rund jeder Fünfte hat wenigstens einmal die Diagnose Depression zu hören bekommen. Trotz dieser hohen Zahlen ist das wohl nur die Spitze des Eisbergs: Nach Schätzungen wird die Hälfte aller Depressionen auch nach einem Arztbesuch nicht erkannt, und viele Betroffene gehen nicht einmal zum Arzt. Immer noch ist die Angst hoch, als leistungsunfähig aussortiert zu werden und den Arbeitsplatz zu verlieren. Und diese Befürchtung ist beileibe nicht immer unbegründet – je nach Branche und Firma.

Hinweis

Manchmal leidet bereits derjenige unter einem Burn-out, der ankreuzt, mehrmals im Monat abends erschöpft von der Arbeit zu kommen oder zu wenig Zeit zu haben. Das allein genommen, ist aber grundsätzlich erst einmal normal – ganz besonders dann, wenn es sich um eine vorübergehende Phase handelt. Diese Zeiträume von erhöhtem Stress und zahlreichen Aufgaben, die zu bewältigen sind, gehören grundsätzlich zum Leben dazu und werden nur dann bedrohlich, wenn sie überhaupt kein Ende mehr nehmen.

Vorsicht bei den Begrifflichkeiten

Um sich des Problems effektiv annehmen zu können, ist es ratsam, dass Geschäftsleitung und Betriebsrat sich wenigstens etwas in der Materie auskennen. Häufig sind die Begrifflichkeiten diffus und Dinge werden falsch bezeichnet. Was gerne als Burn-out tituliert wird, kann durchaus eine Depression sein, muss es aber nicht. Im Gegensatz zum Burn-out gilt die Depression als „echte“ psychische Erkrankung. Gerade beim Burn-out gibt es zum Teil schillernde Selbstchecks, in denen man seine eigene Gefährdung messen kann.

Burn-out ist ein Zustand, aber keine Erkrankung

Häufig treten bei einem Burn-out diese Symptome auf: Herzrasen, Bluthochdruck, Erschöpfung, innere Anspannung, Angstzustände, Schlafstörungen, Nachlassen der Leistungsfähigkeit, das Gefühl völliger Interessen- und Energielosigkeit, totale Gleichgültigkeit, verzerrte Wahrnehmung der Realität bis hin zur Depression. Erste Warnsignale sind häufig Nervosität und erhöhte Reizbarkeit auf der einen sowie ständige Selbstzweifel auf der anderen Seite. Als Betriebsrat sollten Sie genauer hinschauen, wenn ein Kollege über längere Phasen still in der Ecke sitzt, sich nicht mehr an Unterhaltungen beteiligt und sich zurückzieht. Die ersten Burn-out-Symptome erscheinen gerade Vorgesetzten manchmal sogar positiv: Ein Mitarbeiter bleibt jeden Abend länger im Büro und nimmt an den Wochenenden Arbeit mit nach Hause. Was nach Übereifer aussieht, kann ein Zeichen sein, dass er sein Arbeitspensum nicht mehr bewältigt. Gerade beim ersten Gespräch ist es wichtig, dass sich Betriebsratsmitglieder vorsichtig vorfühlen. Es gilt, ganz behutsam herauszufinden, was der Grund für das veränderte Verhalten sein könnte.

Treffen Sie betriebliche Präventionsmaßnahmen

Maßnahmen gegen Burn-out sind Maßnahmen gegen psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz. Sie sind Bestandteil eines modernen Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Betrieb. Folgende Aspekte sind von Bedeutung:

– Psychische Belastungen müssen offen angesprochen und zum Thema des betrieblichen Arbeitsschutzes gemacht werden. Brechen Sie das Schweigen! Vor allem die Beschäftigten haben Angst, das Tabu Burn-out anzusprechen. Sorgen Sie für eine offene Gesprächsatmosphäre und zeigen Sie so Fehlentwicklungen auf.

– Treten Sie für gesunde Arbeitsbedingungen und ein gutes Betriebsklima ein! Eine effiziente Arbeitsorganisation, gute Workflows, Arbeitsbedingungen, die den gesetzlichen Arbeitsschutz– und Arbeitszeitregelungen entsprechen oder gar über diese hinausgehen, ein offenes, vertrauensvolles Betriebsklima und interner Zusammenhalt – das alles sind wichtige Bausteine zur Burn-out-Prävention.

– Erinnern Sie den Arbeitgeber, falls nötig, an seine Fürsorgepflicht. Ebenso wie für Suchtgefährdete ist es für Burn-out-Betroffene eine Hilfe, wenn der Betrieb über eigene Sozialberater verfügt oder in Kontakt mit entsprechenden Einrichtungen steht.

 

Hinweis

Burn-out und Depression können sich in den gleichen Symptomen äußern. Es ist daher schwer, eine genaue Diagnose zu treffen, woran der Betroffene leidet. Das kann nur ein Arzt oder Therapeut. Deshalb können Sie als Betriebsrat das Problem nur vorsichtig ansprechen, aber nicht lösen.

Was Betriebsräte tun können

Zunächst ist der Betriebsrat als Ansprechpartner der individuell Betroffenen gefragt. Dabei kann er die Inanspruchnahme von professioneller therapeutischer Hilfe anregen und die Mitarbeiter dabei unterstützen. Ersetzen kann er deren Therapie nicht. Außerdem muss der Betroffene die Hilfe auch wirklich zulassen wollen. Das ist in unserer auf Erfolg und Leistung getrimmten Gesellschaft nicht leicht.

Expertentipp

Ist eine Depression erst diagnostiziert, kann sie in den meisten Fällen gut behandelt werden. In der Regel reichen dafür einige Monate, manchmal sogar nur Wochen, Therapie – fast immer mit Gesprächen und Antidepressiva in Kombination. Nach der erfolgreichen Behandlung sind die Betroffenen vollständig geheilt und auch wieder genauso leistungsfähig wie früher. Das sollte der Betriebsrat der Geschäftsleitung auch klar mitteilen.

Nur verbesserte Strukturen schaffen nachhaltige Veränderungen

Manche Unternehmen preisen in Hochglanzbroschüren ihre Work-Life-Balance-Konzepte und veranstalten teure Seminare gegen Burn-out. Aber wenn gleichzeitig die ständige Erreichbarkeit der Mitarbeiter vorausgesetzt wird und es Usus ist, das Büro möglichst als Letzter zu verlassen, ist der Erfolg gleich null. Insbesondere die Geschäftsleitung muss den wirklichen Willen haben, Strukturen zu verändern: Weniger Multitasking, weniger Überlastung, weniger geheuchelte Werte, die dann doch mit Füßen getreten werden. Nur so lässt sich die (psychische) Gesundheit der Mitarbeiter dauerhaft erhalten. Insbesondere die Führungskräfte haben hier eine wichtige Vorbildfunktion: Nur wenn sie auch mal früher gehen oder nicht erreichbar sind, werden sich das auch die Beschäftigten trauen.

Praxistipp

Wenn ein Mitarbeiter depressive Tendenzen hat, lautet die wichtigste Regel zunächst: Nehmen Sie die Krankheit ernst und versuchen Sie, Ratschläge zu vermeiden wie: „Nun reiß Dich doch mal zusammen. Geh doch mal wieder ins Kino oder mit den Kollegen zum Kegeln, dann kommst Du schon auf andere Gedanken.“ Was in anderen Situationen durchaus hilfreich erscheint, ist für den Depressiven nicht mehr möglich. Ratschläge dieser Art verstärken nur die Schuldgefühle, die zum Krankheitsbild gehören. Sie lassen die Situation für den Betroffenen noch auswegloser erscheinen. Versuchen Sie es mit einer direkten Ansprache: „Was ist los? Brauchst Du Hilfe?“ Haben Sie keine Scheu, das Schweigen zu brechen.

 

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Autor: Silke Rohde (Silke Rohde ist Rechtsanwältin & Journalistin sowie Chefredakteurin von "Betriebsrat kompakt".)