Fachbeitrag | Geschäftsführung Betriebsrat 23.01.2017

Verständnis für Vorstandsgehalt vom Evag-Betriebsrat

Von irgendwas müssen Vorständler ja auch leben – scheint sich der Betriebsrat des Essener Versorgungsunternehmens EVAG gesagt zu haben. Er äußerte Verständnis für eine Gehaltserhöhung des Vorstandschefs – und erntete dafür nicht nur Zustimmung.

Geldregen

Geschäftsführung Betriebsrat. Ja, eine satte Gehaltserhöhung habe Evag-Vorstand Michael Feller zwar erhalten. Aber, nein, er soll sie nie selbst verlangt haben. Für den Vorsitzenden des Betriebsrates Detlef Barz scheint das auszureichen, um für Fellers Besserstellung Verständnis aufzubringen. Damit dürfte sich Barz allerdings ziemlich allein auf weiter Flur sehen, zumindest auf Seite der Mitarbeiter.

Fusion gefährdet

Die kräftige Gehaltsaufstockung für Feller und seinen Vorstandskollegen von der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) Uwe Bonan hat einem Bericht der „WAZ“ zufolge öffentliche Kritik ausgelöst und teilweise auch für Unmut in der Belegschaft gesorgt. Die beiden Unternehmen planen derzeit eine Fusion. Doch die ist nicht zuletzt aufgrund des Gehälterstreites jetzt gefährdet.

Stimmung gerade nicht gut

„Die Stimmung ist bei uns gerade nicht gut“, bekennt demnach auch Barz. Er selbst hatte geraten, die Gehälter für die Doppelspitze nicht zu erhöhen. Trotzdem nimmt er Feller in Schutz: „Feller hatte niemals eine Forderung nach mehr Geld gestellt.“

250.000 Euro für Evag-Chefs p.a.

Die sei von Bonan gekommen. Der habe sie schließlich auch durchgesetzt. Barz gehört dem Aufsichtsrat der Evag an. Dass der auch für Feller eine Gehaltserhöhung beschließt, hält der Betriebsratsvorsitzende wiederum für richtig. Man könne nicht dem einen vom künftigen Vorstand-Duo mehr Geld geben, dem anderen aber nicht. Beide verdienen dem Zeitungsbericht zufolge nun 250.000 Euro im Jahr.

Widerspruch von MVG-Betriebsrat

Der Betriebsratsvorsitzende der MVG, Ahmet Avsar, distanziert sich von Barz. Er sieht keinen Anlass, die Geschäftsführer durch den Betriebsrat zu schützen. „Die Gehälter der Geschäftsführer wurden im Evag-Aufsichtsrat ohne Beteiligung des MVG-Betriebsrates beschlossen“, kritisiert Avsar.

Kein Wort vom Chef an die Belegschaft

Feller hält sich unterdessen bedeckt. Zu der aktuellen Debatte von ihm bislang kein Wort an die Belegschaft. Auch gegenüber der Zeitung möchte er sich dazu derzeit nicht offiziell äußern. Anders die Evag-Mitarbeiter. Sie diskutieren den Fall derzeit intensiv. Schließlich müssen sie wegen des Spardrucks auf das Unternehmen selbst den Gürtel enger schnallen. Seit einem Jahr verzichten sie auf ein besonders begehrtes und bis dahin für sie kostenloses Monatsticket im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR).

Kritik an Betriebsräten und Gewerkschaftsmitgliedern

Auch den Betriebsräten weht der Wind der Kritik kräftig ins Gesicht. Kommentare in der Zeitung kritisieren generell eine Postenverteilung in öffentlichen Unternehmen nach Parteibuch. In diesem Fall sollten sich in den Augen dieser Leser als einzige die Arbeitnehmervertreter „wirklich schämen“. Erst ließen sie es zu, dass bei denen, die vor Ort die Arbeit machen, gekürzt wird und dann stimmen sie Erhöhungen in der Spitze zu. „Warum“, so fragt ein Leser, „wehren sich die normalen Arbeitnehmer und Gewerkschaftsmitglieder eigentlich nicht?“

Die Rolle der Betriebsräte

Den Betriebsräten werde vorgeworfen, nichts gegen die Gehaltserhöhung unternommen zu haben. „Damit hatten sie aber nichts zu tun“, verteidigt sie Barz. Auch sei weitgehend unbekannt, dass Feller wegen der Kürzungen für das Personal selbst auf 50 Prozent seiner Leistungsprämie für das Jahr 2015 verzichtet hat. Nach WAZ-Informationen geht es hier um einen Betrag von 9.000 bis 10.000 Euro. „Das macht nicht jeder“, meint Barz, „und das ist bisher nie kommuniziert worden.“

Ein Zeichen für Sparen setzen

Feller, so wurde damals den Aufsichtsgremien berichtet, wollte mit seinem Verzicht gegenüber den Arbeitnehmervertretern ein Zeichen setzen. Bei Einschnitten werde auch der Vorstand bei sich sparen. Aufgrund der Finanznot bei der Evag wurde vor einem Jahr zum 1. Januar 2016 eine Betriebsvereinbarung mit mehreren Zusatzleistungen für die 1.765 Evag-Beschäftigen gestrichen. Dazu gehörten die bis dahin bezahlte Raucher-Pause, die Kürzung des Jubiläumsgeldes und das VRR-Ticket. So sollte der Deckungsbetrag, den die Stadt an die Evag zahlt, gesenkt werden.

Zukunft ungewiss

Was jetzt bei den beiden Essener und Mülheimer Verkehrsgesellschaften, Evag und MVG, auf die Beschäftigten an weiteren möglichen Belastungen zukommt, ist noch unklar. Fest steht nur das Ziel: Beide Unternehmen sollen fusionieren. So will man Synergieeffekte nutzen – und sparen, sparen, sparen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)