News | Geschäftsführung Betriebsrat 01.02.2017

ver.di bemängelt Ausbildungsbedingungen im Handel

Rund 160.000 junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung im Handel. Mit einigen Erwartungen an Ausbildungsqualität und Gehälter. Doch werden sie da oft enttäuscht. DGB und ver.di ließen untersuchen, wo es hakt.

Ausbildungsbedingungen Handel

Der absolute Ausnahmefall?

Geschäftsführung Betriebsrat. Regelmäßig Überstunden leisten – für Auszubildende sollte dies nur der absolute Ausnahmefall sein, wenn überhaupt. Vor allem das Jugendarbeitsschutzgesetz hat hier enge Grenzen gesetzt. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Rund ein Drittel (33,8 Prozent) der Auszubildenden beklagten dergleichen 2016. Das zeigt der Ausbildungsreport Handel 2015/2016, den ver.di zusammen mit dem DGB zum dritten Mal vorlegt.

Erholung in der Freizeit?

Ebenfalls ein Drittel (33,4 Prozent) hat demnach Probleme, sich nach der Ausbildung in der Freizeit zu erholen. Und für 28,5 Prozent der Auszubildenden existiert, obwohl gesetzlich vorgeschrieben, kein betrieblicher Ausbildungsplan. Nach Franziska Foullong, ver.di-Jugendsekretärin im Handel, werden offenbar viele Auszubildende als billige reguläre Vollzeitarbeitskräfte eingesetzt. Qualitativ hochwertige Ausbildung – Fehlanzeige.

Gesetzliche Verstöße

Für den Report wurden 2015 über 4.000 und 2016 knapp 2.500 Auszubildende befragt. Danach gehören gesetzliche Verstöße bei vielen Auszubildenden im Handel zum Alltag. Das hat sich seit der ersten Erhebung 2013 kaum verändert. Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, Leistungs- und Zeitdruck werden als häufige Probleme in der Ausbildung genannt.

Nichteinhaltung gesetzlicher Regelungen

Dabei seien Verstöße und die Nichteinhaltung gesetzlicher Regelungen und Verordnungen keine Kavaliersdelikte. Die Sanktionen für Unternehmen hält Foullong allerdings für viel zu gering. Die Rechtswirksamkeit dauere zu lange, Gesetze könnten keine Wirkung entfalten.

Vergütung der Überstunden

Auch wenn sich die Vergütung der Überstunden seit 2013 verbessert hat, erhalten der Studie zufolge immer noch knapp 16 Prozent keinen Ausgleich. Regelmäßige Überstunden von Auszubildenden seien ein Zeichen für Personalmangel. Die Auszubildenden würden missbraucht, wenn sie als Vollzeitkräfte eingesetzt werden.

Weitere Belastungen

Neben Leistungs- und Zeitdruck komme auch Schichtarbeit hinzu. Im Handel liegt ver.di-Angaben zufolge die Quote dieser Belastungen höher als im Gesamtdurchschnitt. Echte Erholung nach der Ausbildung falle dann schwer. Viele Auszubildende gingen selbst dann zur Ausbildung, wenn sie sich unwohl oder krank fühlen. Die gesundheitlichen Folgen dieses Verhaltens seien auf Jahre betrachtet verheerend.

Nachwuchsproblem im Handel

Nach Abschluss der Ausbildung werden die Arbeitsbedingungen nicht besser. Der Wunsch sinke, nach der Ausbildung im erlernten Beruf zu arbeiten. Der Handel steht folglich vor einem Nachwuchsproblem. Viele Auszubildende seien unzufrieden und wechselten nach der Ausbildung in eine andere Branche. Es sei kein Wunder, dass über 30 Prozent der Befragten mit der Ausbildung nicht zufrieden sind und fast 18 Prozent nicht weiter im erlernten Beruf tätig sein wollen.

Die Schwächsten im Betrieb

Foullong: „Die Arbeitgeber müssen dringend umdenken, wenn sie die Branche für Nachwuchs attraktiv gestalten wollen.“ Zu guten Ausbildungsbedingungen gehören „betriebliche Interessenvertretungen und Tarifverträge“, so ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Tarifbindung und Mitbestimmung im Handel werden immer rarer. Das bedeutet nicht zuletzt finanzielle Nachteile für die Schwächsten im Betrieb – die Auszubildenden.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)