15.09.2017

Unterstützen Sie Azubis bei Problemen mit sachfremden Aufgaben

Einkaufen, Kaffee kochen oder den Boden wischen – nicht selten schlagen sich Lehrlinge mit diesen oder ähnlichen Tätigkeiten herum, obwohl sie mit ihrer Ausbildung inhaltlich nichts zu tun haben. Alles müssen sich die Azubis aber nicht gefallen lassen. Schließlich sollen sie etwas lernen und dürfen nicht bloß als billige Aushilfe dem Betrieb dienen. „Nein“ zu sagen, ist ihr gutes Recht – das erfordert aber auch einigen Mut und Unterstützung.

Azubi sachfremde Aufgaben

Geschäftsführung Betriebsrat. Der angehende Einzelhandelskaufmann Sebastian fühlte sich von den Kollegen gemobbt: „Die haben nichts ausgelassen, um mich zu schikanieren.“ Stundenlang musste er den Ladenboden wischen, oft bis lange nach Geschäftsschluss. Auch sei er grundlos vor Kunden kritisiert und als unfähig beschimpft worden. Damit ist er nicht allein: Rund jeder zehnte Lehrling (13,4 Prozent) muss laut dem Ausbildungsreport 2016 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) häufig oder sogar ständig Dinge erledigen, die nichts mit der Ausbildung zu tun haben. Und es kommt noch schlimmer: Einem Drittel der Auszubildenden (33,6 Prozent) liegt kein betrieblicher Ausbildungsplan vor, eine Überprüfung der Ausbildungsinhalte ist ihnen daher nicht möglich. Bei 13,4 Prozent der Azubis findet eine fachliche Anleitung durch den Ausbilder überhaupt nicht oder nur selten statt.

Auszubildende haben gesetzlich verbriefte Rechte

Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) trifft eine klare Regelung hinsichtlich des Ausbildungsinhalts: Es schreibt vor, dass Lehrlingen nur Aufgaben übertragen werden dürfen, die dem Ausbildungszweck dienen. Die Rechtsgrundlage hierfür ist § 14 Abs. 2 BBiG. Wann hierbei die Grenze überschritten ist, lässt sich pauschal aber nicht so einfach sagen: Klar ist, dass ein Azubi kein Ersatz für die Putzfrau sein darf. Es ist zum Beispiel aber zulässig, dass ein angehender Mechaniker oder Schreiner eine Maschine sauber machen soll, an der er ausgebildet wird.

Übersicht: Pflichten des Ausbildenden

§ 14 Berufsausbildung BBiG

(1) Ausbildende haben

  1. dafür zu sorgen, dass den Auszubildenden die berufliche Handlungsfähigkeit vermittelt wird, die zum Erreichen des Ausbildungsziels erforderlich ist, und die Berufsausbildung in einer durch ihren Zweck gebotenen Form planmäßig, zeitlich und sachlich gegliedert so durchzuführen, dass das Ausbildungsziel in der vorgesehenen Ausbildungszeit erreicht werden kann,
  2. selbst auszubilden oder einen Ausbilder oder eine Ausbilderin ausdrücklich damit zu beauftragen,
  3. Auszubildenden kostenlos die Ausbildungsmittel, insbesondere Werkzeuge und Werkstoffe zur Verfügung zu stellen, die zur Berufsausbildung und zum Ablegen von Zwischen- und Abschlussprüfungen, auch soweit solche nach Beendigung des Berufsausbildungsverhältnisses stattfinden, erforderlich sind,
  4. Auszubildende zum Besuch der Berufsschule sowie zum Führen von schriftlichen Ausbildungsnachweisen anzuhalten, soweit solche im Rahmen der Berufsausbildung verlangt werden, und diese durchzusehen,
  5. dafür zu sorgen, dass Auszubildende charakterlich gefördert sowie sittlich und körperlich nicht gefährdet werden.

(2) Auszubildenden dürfen nur Aufgaben übertragen werden, die dem Ausbildungszweck dienen und ihren körperlichen Kräften angemessen sind.

Azubis sollten zunächst einmal abwarten

Auch wenn ein Lehrling einmal zum Einkaufen geschickt wird und diese Aufgabe reihum wechselt, kann er sich schlecht beschweren. In der Regel sollte der Azubi beim erstmaligen Verstoß gegen die Prüfungsordnung das Ganze kommentarlos hinnehmen. Wird der Azubi aber ständig mit sachfremden Tätigkeiten betraut, ist der Bogen überspannt. Dann sollte sich der Azubi beschweren und das Gespräch suchen. Ähnlich sieht es aus, wenn es darum geht, wer morgens im Büro die Spülmaschine ausräumen muss. Wenn der Lehrling diese Tätigkeit hin und wieder übernimmt und alle anderen das auch mal machen, ist das in Ordnung. Aber in vielen Betrieben heißt es: „Lass das mal den Azubi machen, dann hat der was zu tun.“ Diese Praxis ist dann nicht tolerierbar.

Hinweis

Grundsätzlich ist es in Ordnung, wenn ein Azubi auch einmal die Halle fegt, Kaffee kocht oder für den Chef Akten kopiert. Zum Problem wird das immer dann, wenn diese Aufgaben überhandnehmen.

Gut informierte Azubis haben es leichter

Um sich gegen ausbildungswidrige Tätigkeiten wehren zu können, sollten Lehrlinge ihren Ausbildungsplan genau kennen und prüfen, ob er eingehalten wird. Falls er noch gar nicht erstellt wurde, sollte das schleunigst nachgeholt werden. Den Rahmenplan bekommen Azubis in der Regel beim Vertragsschluss überreicht. Falls nicht, ist er bei staatlich anerkannten Abschlüssen über die Seite des Bundesinstituts für Berufsbildung (www.bibb.de) abrufbar. Die Tätigkeiten, die dort detailliert aufgelistet sind, sind diejenigen, die üblicherweise im Laufe der Ausbildungsjahre von den Azubis regelmäßig verlangt werden. Der Ausbilder hat zwar die Möglichkeit, davon etwas abzuweichen, wenn es im Unternehmen so üblich ist, aber eben nur im adäquaten Rahmen.

Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten kann Klarheit schaffen

Haben Lehrlinge das Gefühl, sie werden überwiegend für Hilfsarbeiten eingesetzt, suchen sie am besten zunächst das Gespräch mit dem Betriebsrat. So lässt sich klären, ob der eigene Eindruck berechtigt ist. Im zweiten Schritt sollten unzufriedene Azubis das Gespräch mit dem Chef suchen. Der Ausbildungsbeauftragte, falls vorhanden, oder Sie als Betriebsrat können dabei vermittelnd aktiv werden. Oder Lehrlinge tun sich mit anderen unzufriedenen Azubis im Betrieb zusammen und sprechen gemeinsam mit dem Chef. Dabei ist es ratsam, nicht nur Vorwürfe zu äußern, sondern konstruktiv an die Sache heranzugehen. So könnten Azubis etwa sagen: „Ich habe Angst, durch meine Abschlussprüfung zu fallen.“ Dabei könnten sie darauf hinweisen, dass sie nach dem Ausbildungsrahmenplan bestimmte Dinge lernen sollten, tatsächlich aber nur Hilfsarbeiten übernehmen müssten.

Expertentipp

Bei solchen Problemen sind natürlich Sie oder Ihre Kollegen von der Jugend– und Auszubildendenvertretung (JAV) gefragt. Beobachten Sie die Situation der Auszubildenden gerade in den ersten Monaten genau und bieten Sie Ihre Hilfe an. Oft sind die gerade neuen Azubis zu schüchtern, um sich selbst effektiv zu wehren.

Holen Sie die JAV mit ins Boot

Azubis können sich bei der JAV kompetenten Beistand besorgen und sich über ihre Rechte und Pflichten informieren – auch während der Arbeitszeit, ohne dafür einen Grund nennen zu müssen. Außerdem bieten viele JAVs regelmäßige Sprechstunden an, sodass Azubis einen festen Termin für ein Gespräch ausmachen können. Eine weitere Option: Der Lehrling wird gleich selbst JAV-Mitglied, indem er sich zur Wahl stellt. So kann er seine eigenen Rechte einfordern und gleichzeitig den Kollegen helfen.

Notfalls externe Hilfe holen

Helfen alle innerbetrieblichen Gespräche nicht weiter, sollten Lehrlinge sich extern Unterstützung suchen. Ansprechpartner gibt es zum einen bei den Kammern, wie etwa der örtlich zuständigen Industrie- und Handelskammer (IHK). Azubis könnten aber auch Lehrer an der Berufsschule ansprechen. Diese kennen die Betriebe oft gut und können eine neutrale Instanz sein. Und eventuell wissen sie auch, wie der Streit um ausbildungsfremde Tätigkeiten in anderen Fällen gelöst werden konnte.

Praxistipp

Der DGB bietet eine Online-Beratung für Auszubildende an auf

http://jugend.dgb.de/ausbildung/beratung/dr-azubi

 

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Autor: Silke Rohde (ist Rechtsanwältin & Journalistin sowie Chefredakteurin des Fachmagazins Betriebsrat KOMPAKT)