News | Mitbestimmung 12.06.2017

Tarifbindung – Auslaufmodell bei Beschäftigten oder Zukunftschance?

Der Anteil in tarifgebundenen Betrieben Beschäftigter geht weiter zurück. Arbeiteten 1996 in Westdeutschland noch fast Dreiviertel aller Beschäftigten in Betrieben mit Branchentarifvertrag, sind es 20 Jahre später nur etwas über die Hälfte. Das IAB legt hierzu jetzt neue Zahlen vor.

Jeder zweite Beschäftigte unter Branchentarifvertrag

1996 erhob das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstmals Daten zur Tarifbindung für Ost- und Westdeutschland. Seither ist der Anteil der in tarifgebundenen Betrieben Beschäftigten deutlich zurückgegangen. 1996 arbeiteten in Westdeutschland 70 Prozent der Beschäftigten in Betrieben, in denen ein Branchentarifvertrag galt. Im Jahr 2016 arbeiteten 48 Prozent der Beschäftigten in ganz Deutschland in solchen Betrieben.

Firmentarifvertrag zwischen Betrieb und Gewerkschaft

Das zeigen neueste Daten des IAB-Betriebspanels, einer jährlichen Befragung von rund 15.000 Betrieben durch das IAB. In Ostdeutschland sank demnach der entsprechende Anteil der Beschäftigten von 56 auf 36 Prozent. Gegenüber 2015 hat sich der Anteil aber kaum verändert: in Ostdeutschland sank er um einen Prozentpunkt, in Westdeutschland blieb der Wert konstant. Für acht Prozent der Beschäftigten im Westen und elf Prozent im Osten galt ein zwischen Betrieb und Gewerkschaft abgeschlossener Firmentarifvertrag. Das bedeutet ein Minus von einem Prozentpunkt gegenüber dem Vorjahr in Ostdeutschland. In Westdeutschland ist keine Veränderung zu verzeichnen.

Indirekte Wirkung von Tarifverträgen

42 Prozent der westdeutschen und 53 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten arbeiteten 2016 in Betrieben, in denen es keinen Tarifvertrag gab. In Westdeutschland profitierten 50 Prozent dieser Arbeitnehmer jedoch indirekt, da sich ihre Betriebe an Branchentarifverträgen orientierten. In Ostdeutschland nutzte die indirekte Wirkung eines Tarifvertrages 48 Prozent der Beschäftigten in Betrieben ohne Tarifbindung, schreiben die IAB-Forscher Susanne Kohaut und Peter Ellguth in den WSI-Mitteilungen 4/2017. Diese Zahl ist ihnen zufolge gegenüber dem Vorjahr gestiegen: 2015 arbeiteten noch 44 Prozent der Beschäftigten in nicht tarifgebundenen Betrieben, die sich aber an den tarifvertraglichen Standards orientieren. In Westdeutschland dagegen hat sich dieser Wert kaum verändert und lag bei 51 Prozent.

Steigendes Arbeitsvolumen

„Das Arbeitsvolumen ist gegenüber dem Vorjahresquartal kräftig gestiegen, aber die Arbeitsproduktivität lag sogar niedriger als ein Jahr zuvor“, sagte Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und Strukturanalysen“. Insgesamt steige die Produktivität zwar moderat, aber die Wirtschafts- und Produktivitätsentwicklung habe mit dem Arbeitsmarkttrend nicht Schritt gehalten. „Ein steigendes Arbeitsvolumen ist gut, aber produktiver wird die Arbeit durch intensive Weiterbildung und betriebliche sowie staatliche Investitionen“, erläuterte Weber.

Mehr Vollzeitbeschäftigung

Wie das IAB weiter mitteilt, wuchs die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten im ersten Quartal um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten ist um 2,2 Prozent gestiegen. Die Erwerbstätigkeit insgesamt nahm im ersten Quartal 2017 um 1,5 Prozent zu und lag bei 43,7 Millionen Personen. Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigem lag im ersten Quartal 2017 bei 350,7 Stunden. Gegenüber dem Vorjahresquartal ist sie um 1,7 Prozent gestiegen. Im ersten Quartal 2017 standen mit 64,3 Tagen aber auch drei Arbeitstage mehr zur Verfügung als im Vorjahresquartal. Der Krankenstand der Beschäftigten lag bei 5,2 Prozent und ist somit um 0,35 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen. Den Grund hierfür sieht das IAB in einer starken Verbreitung von Influenza.

Wochenarbeitszeit nahezu unverändert

Die durchschnittliche vereinbarte Wochenarbeitszeit blieb gegenüber dem Vorjahresquartal mit insgesamt gut 30 Stunden nahezu unverändert. Vollzeitbeschäftigte arbeiteten im Durchschnitt rund 38 Stunden, Teilzeitbeschäftigte rund 16 Stunden. Bei den Vollzeitbeschäftigten ist die durchschnittliche vereinbarte Arbeitszeit gleich geblieben, während bei den Teilzeitbeschäftigten ein Anstieg um 1,1 Prozent zu verzeichnen ist. „Der Anstieg der Arbeitszeit bei den Teilzeitbeschäftigten ist auf den beständig sinkenden Anteil geringfügig Beschäftigter in dieser Gruppe zurückzuführen“, erklärte Weber.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)