28.07.2017

Steigende Arbeitskosten in Deutschland

Arbeitskosten in Deutschland ziehen an. Grund dafür ist eine stärkere Lohnentwicklung in den letzten fünf Jahren. Allerdings sind damit die Auswirkungen einer sehr langen Schwächephase in den 2000er Jahren nur zum kleineren Teil ausgeglichen. Das ergibt eine Studie des IMK.

Arbeitskosten steigen

Exportweltmeister in der Kritik

Geschäftsführung Betriebsrat. Deutschland ist Exportweltmeister. Doch die sehr großen Überschüsse sorgen international für scharfe Kritik. Ökonomen, internationale Organisationen und ausländische Politiker fordern von Deutschland eine Senkung der Überschüsse. Ein wesentlicher Grund für sie sind die Arbeits- und Lohnstückkosten. Sie sind allerdings längst nicht die einzigen Faktoren, die das Verhältnis von Aus- und Einfuhren und das Wachstum von Exporten und Binnennachfrage beeinflussen. Durch eine stärkere Lohnentwicklung hat die Entwicklung der Arbeitskosten in Deutschland in den letzten fünf Jahren angezogen. Allerdings sind damit die Effekte einer sehr langen Schwächephase in den 2000er Jahren nur zum kleineren Teil ausgeglichen. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Arbeits- und Lohnstückkostenreport des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Arbeitskosten für die private Wirtschaft

Deutschland rangiert demnach bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft weiterhin im oberen Mittelfeld Westeuropas:

  • Ende 2016 lag die Bundesrepublik mit Arbeitskosten von 33,60 Euro pro Stunde an siebter Stelle unter den EU-Ländern,
  • vor den Niederlanden mit 33,40 Euro.

Mit nominal 2,5 Prozent lag der Zuwachs der deutschen Arbeitskosten 2016 oberhalb des sehr niedrigen Durchschnitts von EU (1,6 Prozent) und Euroraum (1,3 Prozent).

Keine Gefahr für Wettbewerbsfähigkeit

Dieser Wert stellt nach Ansicht der Forscher noch längst keine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit oder die Preisstabilität dar. Im Gegenteil reichten diese Steigerungen noch nicht aus, um das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp zwei Prozent zu erreichen. Schaut man auf den längeren Zeitraum von 2000 bis 2016, bleibt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der deutschen Arbeitskosten mit zwei Prozent weiter deutlich hinter den Durchschnitten von Euroraum (2,4 Prozent) und EU (2,7 Prozent) zurück.

Drittniedrigster Zuwachs

Deutschland weise damit seit der Jahrtausendwende den drittniedrigsten Zuwachs aus – nach den Krisenländern Griechenland und Portugal. Ähnlich sieht es bei der für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkostenentwicklung aus. Dementsprechend sind die Ungleichgewichte bei der Entwicklung von Binnennachfrage und Exporten längst noch nicht ausgeglichen. Die Inlandsnachfrage hat in Deutschland seit der Jahrtausendwende real um 13 Prozent zugelegt, die Ausfuhren um mehr als 120 Prozent.

Horn: International enorm wettbewerbsfähig

„Die deutsche Wirtschaft ist international enorm wettbewerbsfähig, die Unternehmen verdienen sehr gut“, erklärt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. Das zeigten alle aktuellen Parameter und Prognosen. Die deutsche Wirtschaft wachse solide nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen. In einem schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld, in Zeiten von Trump und Brexit, brauche man privaten und öffentlichen Konsum in Deutschland und Investitionen als Säulen der Wirtschaftsentwicklung. Horn: „Da sehen wir auch noch einige Luft nach oben.“

Nettoinvestitionen der deutschen Unternehmen

Neben der längerfristigen Entwicklung von Arbeits- und Lohnstückkosten entsprachen die gesamten Nettoinvestitionen der deutschen Unternehmen Anfang der 1990er Jahre noch rund 50 Prozent ihrer Gewinne. Seitdem seien die Erträge stark gewachsen, die Investitionen absolut und relativ extrem gesunken – auf nur noch vier Prozent, gemessen an den Gewinnen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)