14.07.2020

Silver Workers können das Rentensystem stabilisieren

Die Beschäftigung jenseits der Regelaltersgrenze kann ein Mittel sein, um die Herausforderungen des demografischen Wandels für das Rentensystem und die Fachkräftesicherung zu bewältigen. Das ermittelten zwei Forscher des arbeitgebernahen Instituts für Wirtschaft (IW). Eine empirische Analyse auf Basis des IW-Personalpanels habe gezeigt, dass in vier von zehn hiesigen Unternehmen Personen beschäftigt sind, die eine Rente beziehen oder das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht haben – die sogenannten Silver Workers.

Weiterbeschäftigung Altersgrenze

Qualifikationen der Älteren nutzen

Beim Thema „Fachkräftemangel“ gerät nun auch die Personengruppe der Senioren ins Visier. Die Älteren verfügen zwar oft über Topqualifikationen, müssen sich jedoch mit dem Vorurteil herumschlagen, dass ihre Kenntnisse nicht mehr zeitgemäß seien. Immerhin, Deutschlands Unternehmen scheinen diesen unterschätzten Teil des Humankapitals jetzt verstärkt nutzen zu wollen. Denn nach einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beschäftigen vier von zehn Arbeitgebern hierzulande schon jetzt Personen, die das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht haben oder in Rente sind. In den USA werden solche älteren Arbeitnehmer gern „Silver Workers“ genannt, in Anspielung auf das silberne Haupthaar vieler Senioren. Auch hierzulande hat sich diese Bezeichnung eingebürgert.

Beschäftigung jenseits der Regelaltersgrenze

Forscher des IW haben ermittelt, dass Unternehmen den Einsatz von „Silver Workers“ als personalpolitisches Instrument sogar in nennenswertem Ausmaß erkannt haben. Gegenüber Zeitungen erklärten sie unter anderem, die Beschäftigung jenseits der Regelaltersgrenze könne ein Mittel sein, um zum einen die Herausforderungen des demografischen Wandels für das Rentensystem und zum anderen die Fachkräftesicherung zu bewältigen. Zwei Motive wären hierfür richtungsweisend: der Wissenstransfer zwischen den Generationen und die Abwendung einer drohenden Fachkräftelücke.

In Vollzeit oder Teilzeit?

Gehe es um den Wissenstransfer, seien die Silver Workers meist in Teilzeit- oder Minijobs aktiv, eine Beschäftigung in Vollzeit deutet dagegen eher darauf hin, dass es ohne die Senioren an dieser Stelle eine Fachkräftelücke gäbe und sie mangels qualifizierten Nachwuchses weitermachten. Zumindest bisher sind Silver Workers, die voll arbeiten, seltener anzutreffen als ältere Teilzeitarbeitnehmer oder Minijobber.

Von den Firmen, die zum Zeitpunkt der IW-Umfrage Personen im Rentenalter beschäftigten, hatten knapp ein Drittel (31,5 Prozent) „Silver Workers“ sozialversicherungspflichtig und in Vollzeit unter Vertrag. Bei gut drei Viertel (76,2 Prozent) der Unternehmen waren Senioren als geringfügig Beschäftigte angestellt, „Silver Workers“ in Teilzeit waren in 43 Prozent der Fälle anzutreffen.

Der Hauptgrund, keine Ruheständler einzusetzen, waren keineswegs fehlende Kompetenzen, etwa in der Informationstechnik. Ein unpassendes Profil führten lediglich 17 Prozent der Arbeitgeber an. Für fast jedes zweite Unternehmen (47 Prozent) waren vielmehr arbeits- und sozialrechtliche Vorschriften das Haupthemmnis, das der Beschäftigung Älterer entgegensteht.

Wie ist die Nachfrage bei den Älteren?

Arbeits- und sozialrechtliche Hemmnisse sind vor allem für die Fälle zu vermuten, in denen mit dem Übergang zum Rentenbezug auch eine kündigungsschutzrechtlich relevante Änderung des Arbeitsvertrags einhergeht. Das betrifft insbesondere das Befristungsverbot bei einer Weiterbeschäftigung, die erst nach dem Ausscheiden vereinbart wird. Mehr als ein Drittel der Unternehmen mit Erfahrungen bei der Beschäftigung von Silver Workers berichtet jedoch auch, dass ihr Bedarf auf kein Interesse bei den betroffenen Beschäftigten stößt. Zweifel bestehen, ob mit einer Ausweitung rentenrechtlicher Anreize diese Zurückhaltung überwunden werden kann. Denn ob verspätete Inanspruchnahme oder zusätzliche Beitragszahlung, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Ruhestandsalter wirkt sich bereits im Status quo positiv auf die spätere Rentenhöhe aus.

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)