13.11.2017

Siemens-Betriebsrat kritisiert Unternehmensleitung scharf

Springt man so mit Mitarbeitern um? Das fragen sich derzeit Betriebsrat und IG Metall bei Siemens. Ihre Antwort: jedenfalls nicht so, wie die Siemens-Führung es offenbar gerade tut. Die soll mit der Vertretung der Mitarbeiter nur noch über Medien kommunizieren. Das sei „beschämend“.

Siemens-Betriebsrat offener Brief

Einschnitte in zwei Sparten

Geschäftsführung Betriebsrat. Das Thema ist den Siemens-Chefs wohl peinlich. Sie planen Einschnitte in zwei Sparten des Elektrokonzerns. Statt aber die Probleme direkt mit der Mitarbeitervertretung zu diskutieren, zieht man den Weg über die Medien zunächst vor. „Nordbayern.de“ zitiert nach einer Veröffentlichung auf dem Beschäftigten-Forum „Siemens Dialog“ der IG Metall aus einem offenen Brief an Siemens-Chef Joe Kaeser und Personalchefin Janina Kugel.

Kommunikation über die Medien

Darin werfen die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates Birgit Steinborn und IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner der Konzernführung eine indirekte Kommunikation über die Medien vor. Das sei „unwürdig und beschämend“ und ein „Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter und der Mitbestimmungskultur“. Konkret geht es um den Termin für die entscheidende Sitzung des Wirtschaftsausschusses am 16. November. Er sei dem Gesamtbetriebsrat erst mitgeteilt worden, nachdem er bereits in den Medien verbreitet gewesen sei. In dem Ausschuss will die Konzernführung die Arbeitnehmervertreter über die Details der Pläne informieren. Danach sollen sie auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Massive Stellenstreichungen trotz Milliarden-Gewinn?

Bereits am Donnerstag voriger Woche äußerte sich Kaeser gegenüber Presse und Finanzanalysten in München zu den Plänen. Wie dpa von dort meldet, peilt Siemens einen Milliarden-Gewinn an. Die Mitarbeiter müssen sich demnach aber trotzdem auf massive Stellenstreichungen gefasst machen. Vor allem das Kraftwerksgeschäft dürfte vom nächsten Sparprogramm betroffen sein. „Unsere Division Power and Gas kämpft seit längerem mit sehr schwierigen Marktverhältnissen und strukturellen Herausforderungen“, zitiert „rp-online“ den Konzernchef. Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, müsse man reagieren. Kaeser: „Wir müssen die Kapazitäten anpassen, auch wenn das schmerzhafte Einschnitte bedeutet:“

Mehrere tausend Stellen in Gefahr

Siemens wird wohl in der Kraftwerkssparte sowie im Geschäftsfeld Prozessindustrie und Antriebe mehrere tausend Stellen streichen, über rund 4.000 gefährdete Jobs wird spekuliert. Details sollen Arbeitnehmervertreter am 16. November im Wirtschaftsausschuss erfahren. Zusätzlich hat der Windturbinenhersteller Siemens Gamesa angekündigt, bis zu 6.000 Jobs zu kappen. Siemens leidet im Kraftwerksgeschäft unter einer Nachfrageflaute bei großen Gasturbinen. Sie ziehe Preisdruck und Überkapazitäten nach sich. Steinborn und Kerner appellierten an die Siemens-Führung, Alternativen für die beiden Sparten sowie für die deutschen Standorte zu erarbeiten. Die Belegschaften müssten beteiligungsorientiert und fair einbezogen werden. Die Energieerzeugung bleibe ein global wachsender Markt. Für ihn müsse man neue Geschäftsmodelle und Produkte entwickeln, um Beschäftigung und Know-How in Deutschland zu sichern.

Weltmarkt für große Gasturbinen

„Wir sind davon überzeugt, dass es weiterhin einen Weltmarkt für große Gasturbinen geben wird“, sagte Kaeser am Donnerstag. Dieser werde kleiner sein, die Nachfrage sich nach Asien, Lateinamerika und Afrika verschieben. Man müsse deswegen jetzt Kapazitäten anpassen und in innovative Zukunftstechnologien investieren. In der Antriebssparte müssten strukturelle Anpassungen fortgesetzt werden, so Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas laut „rp-online“.

Geplant: Umsatzsteigerungen und Gewinnausweitung

Geschäftlich will Kaeser das Tempo in diesem Jahr in etwa halten trotz zu erwartenden hohen Kosten durch den bevorstehenden Personalabbau. Den Umsatz will das Unternehmen 2017/18 aus eigener Kraft leicht steigern. Beim Ergebnis peilt es wieder eine Spanne von 7,20 bis 7,70 Euro je Aktie an. Unter dem Strich könnte damit ein Gewinn von bis zu 6,55 Milliarden Euro stehen. In der Prognose sind allerdings Aufwendungen, etwa für den Stellenabbau, nicht enthalten. Im vergangenen Geschäftsjahr verdiente Siemens unter dem Strich knapp 6,1 Milliarden Euro, nach 5,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Umsatz legte von 79,6 Milliarden auf 83 Milliarden Euro zu.

Rückgänge im Neuanlagengeschäft

Im Kraftwerksgeschäft schrumpften unterdessen den Angaben zufolge die Umsätze um 20 Prozent. Das Ergebnis brach sogar um 40 Prozent ein. Beim Auftragseingang konnten Rückgänge im Neuanlagengeschäft mit Großaufträgen im Servicegeschäft aufgefangen werden. Insgesamt wuchs der Umsatz des Konzerns in dem Dreimonatszeitraum um zwei Prozent auf 22,3 Milliarden Euro. Der Gewinn nach Steuern kletterte um zehn Prozent auf 1,3 Milliarden Euro.

Protestaktionen an verschiedenen Standorten

Bereits im Oktober war bekannt geworden, dass deshalb Arbeitsplätze in Gefahr sind. Das „Manager Magazin“ berichtete unter Berufung auf Unternehmenskreise über Pläne zu Schließung oder Verkauf mehrerer Standorte. An mehreren Standorten der Sparte, darunter Mülheim, Erfurt, Erlangen, Görlitz und Leipzig, gab es deshalb Protestaktionen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)