08.01.2018

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Aufgeschreckt über die zuletzt bekannt gewordenen Vorkommnisse melden sich viele zu Wort, die entweder selbst sexuell belästigt worden sind oder gegen dieses vorwerfbare Verhalten vorgehen möchten. Die Diskussion über das Thema findet auch in den Betrieben und Verwaltungen statt. Ein achtsamer Personalrat überlegt bei diesem Thema, ob und ggf. wie er beim Diskriminierungsschutz handeln muss. Er kann dabei jetzt auf eine Studie (Nr. 369 vom September 2017) zurückgreifen, die wissenschaftlich von der Charité in Zusammenarbeit mit der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung durch Auswertung von 120 Betriebs- und Dienstvereinbarungen erstellt worden ist.

sexuelle Belästigung Arbeitsplatz

Fast jede fünfte Frau betroffen

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startete 2015 eine Umfrage zur Ermittlung des Ausmaßes der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz. Danach hat mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz schon einmal erlebt oder beobachtet. Fast jede fünfte Frau ist demnach schon einmal gegen ihren Willen von Kollegen berührt worden. Auch zwölf Prozent der Männer berichteten von unerwünschter körperlicher Annäherung. Über die Rechte der Beschäftigten bei diesem Thema sind viele aber nur unzureichend informiert. 81 Prozent wissen nicht, dass Arbeitgeber verpflichtet sind, sie aktiv vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu schützen. Und mehr als 70 Prozent kennen zu dem Thema auch keine präsente Ansprechperson in ihrem Betrieb oder ihrer Dienststelle. Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die zum Auftakt des Themenjahrs „Gleiches Recht. Jedes Geschlecht.“ Vorgenommen worden ist. Seit einer Gesetzesverschärfung 2016 sind zudem alle sexuellen Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person strafbar.

In einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung mit dem Titel „Prävention sexueller Belästigung“ wurden eine Analyse und eine Handlungshilfe erstellt, die betriebliche Akteure darin unterstützen soll, eine Betriebs- oder Dienstvereinbarung zu entwickeln.

WPP-Studie zum Schutz und zur Prävention

Die Studie weist in der Zusammenfassung darauf hin, dass das Phänomen der sexuellen Belästigung in Medizin und Pflege eine Sonderstellung einnimmt. Für spezielle Anforderungs- und Arbeitsbedingungen und zur Sicherung von Diagnostik und Versorgung müssen häufig persönliche Grenzen überschritten werden. Auch extreme körperliche Nähe in unterschiedlichen Arbeitssettings kann zu potenziellen Grenzübertretungen aller Beteiligten beitragen.

Mit der sogenannten WPP-Studie (Watch – Protect – Prevent) stellt sich die Universitätsmedizin der Charité Berlin als erste Universitätsklinik im deutschsprachigen Raum den Herausforderungen dieser sensiblen Thematik. Sie setzt sich mit den Erfordernissen und den Vorgaben des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) auseinander. Das WPP-Projekt ist das erste und deutschlandweit einzige Projekt zur Entwicklung einer Workplace Policy zum Schutz und zur Prävention von Grenzüberschreitungen, sexueller Belästigung und Diskriminierung in einem Universitätsklinikum.

Richtlinie für betriebliche Vereinbarung

Die mit der Studie gewonnenen Erkenntnisse führten zu einer unternehmensspezifischen Vereinbarung in Form einer Richtlinie an der Charité, die als Modelldokument von anderen (Universitäts-)Kliniken und öffentlichen Diensten genutzt werden kann. Gleichzeitig wurden beispielhaft die präzisesten Formulierungen zu Gestaltungsschwerpunkten in einem „Baukasten“ zusammengefügt, der branchenübergreifend Interessierten zur Entwicklung einer eigenen betrieblichen Vereinbarung dienen kann.

Betriebs- und Dienstvereinbarungen

Damit es nicht zu sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz kommt, sind vorbeugende Maßnahmen möglich. Hierfür tragen alle Beteiligten am Arbeitsplatz Verantwortung: Es geht darum, ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem sexuelle Belästigungen keinen Raum haben und in dem die Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung von Menschen gewahrt werden. Betriebs- und Dienstvereinbarungen schaffen verbindliche Rahmenbedingungen und sorgen für Transparenz und Handlungssicherheit für Verantwortliche.

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)