26.11.2019

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – ein Pflichtthema für Personalräte

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist nach wie vor stark verbreitet. Das zeigt eine Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die am 25.10.2019 veröffentlicht wurde. Jede elfte erwerbstätige Person (neun Prozent der Befragten) hat demnach in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Frauen waren mit einem Anteil von 13 Prozent mehr als doppelt so häufig wie Männer (fünf Prozent) betroffen.

Diskriminierung

Ein weitverbreitetes Problem

Nach einer von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegebenen Studie, die im Oktober 2019 veröffentlicht wurde, ging mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Belästigungen von Dritten – Kundinnen und Kunden, Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten – aus. Bei 43 Prozent der belästigenden Personen handelte es sich um Kolleginnen und Kollegen; bei 19 Prozent waren es Vorgesetzte oder betrieblich höhergestellte Personen.

Vorbereitet für den Ernstfall

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes teilte bei der Vorstellung der Studie mit, dass es im Interesse der Unternehmen und Behörden liege, durch klare Richtlinien und Maßnahmen einzugreifen, damit sexuelle Belästigung verhindert werde. Beispielsweise könnten sie feste Ansprechpersonen benennen und obligatorische Schulungen für Führungskräfte anbieten. Wenn Kundinnen und Kunden belästigten, müssten Arbeitgeber sofort einschreiten, um ihre Beschäftigten zu schützen – das könne bis zu einem Lokal- oder Hausverbot führen und dürfe etwa im Gastronomiebereich oder Einzelhandel nicht als „Berufsrisiko“ bagatellisiert und ignoriert werden. Im Gesundheitsbereich könne als Schutzmaßnahme auch eine Beendigung des Behandlungsvertrags in Betracht kommen.

Arbeitgeber und Personalvertretungen in der Pflicht

Bundesministerin Dr. Giffey sagte: „Die ADS-Studie zeigt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes Problem. Jeder Fall ist einer zu viel. Nicht nur die individuell Betroffenen müssen mit den negativen Folgen umgehen, häufig wirken sich solche Vorfälle auch auf das Arbeitsklima und auf die Arbeitsfähigkeit aus. Oft berichten Betroffene, dass sie immer wieder und über lange Zeit belästigt werden. Sexuelle Belästigung trifft weit überwiegend Frauen. Sie ist Ausdruck von Machtmissbrauch und eine Form von Gewalt gegen Frauen, aber auch gegen Männer. Arbeitgeber und Personalvertretungen haben die Pflicht, sich aktiv mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen und ihr konsequent entgegenzutreten – egal, ob es sich um Kunden, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte handelt.“

Ergebnisse aus der Studie

Verbale und körperliche Belästigung

Der Studie zufolge wurden von den Betroffenen am häufigsten verbale Belästigungen wie sexualisierte Kommentare (62 Prozent) oder Belästigungen durch Blicke und Gesten (44 Prozent) genannt. Unerwünschte Berührungen oder körperliche Annäherungen erfuhren rund ein Viertel (26 Prozent) der Betroffenen. Bei den meisten Belästigungserfahrungen handelte es sich nicht um einmalige Vorfälle – acht von zehn der Befragten erlebten mehr als eine solche Situation. Darüber hinaus gaben 82 Prozent der Betroffenen ausschließlich oder überwiegend Männer als Täter an.

Psychische Belastungen

Die Studie zeigt außerdem, dass die Betroffenen sexuelle Belästigung vielfach als erniedrigend und abwertend sowie auch als bedrohlich empfanden. So sagten 48 Prozent der betroffenen Frauen, sie hätten sich durch die Belästigung mittel bis sehr stark erniedrigt und abgewertet gefühlt (Männer 28 Prozent). Von mittelstarken bis sehr starken psychischen Belastungen berichteten 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer. 30 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer empfanden die Situation als mittel bis stark bedrohlich.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Wie gehen Betroffene mit Belästigungserfahrungen am Arbeitsplatz um? Die Mehrheit der Betroffenen gab an, sich unmittelbar nach der Belästigung verbal gewehrt zu haben (66 Prozent). In späterer Folge wandten sich vier von zehn Betroffenen sexueller Belästigung an Dritte, davon am häufigsten an Kolleginnen und Kollegen (47 Prozent), Vorgesetzte (36 Prozent), Freundinnen/Freunde oder Familie (15 Prozent) oder Beratungsstellen bzw. therapeutische Einrichtungen (elf Prozent). Umgerechnet auf alle Betroffenen haben damit nur vier Prozent eine professionelle Unterstützung in Beratungsstellen und anderen Einrichtungen gesucht.

Mehr Aufklärung und Bekanntmachung

Mehr als 40 Prozent aller Beschäftigten hatten keine Kenntnis über betriebsinterne Beschwerdestellen bei Diskriminierung und sexueller Belästigung. Gesetzlich sind nach § 13 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) alle Arbeitgeber verpflichtet, eine betriebsinterne Beschwerdestelle einzurichten und Informationen über solche Stellen bekannt zu machen.

Teilnehmer der Studie

Die Studie „Strategien im Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Lösungsstrategien und Maßnahmen zur Intervention“ wurde von Juni 2018 bis Mai 2019 durchgeführt, geleitet von Vertr. Prof. Dr. Monika Schröttle am Institut für empirische Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg (ifes). Sie beinhaltet eine vom Bielefelder SOKO-Institut durchgeführte repräsentative Telefonbefragung von 1.531 Personen, die in den vergangenen drei Jahren beschäftigt waren (inklusive Auszubildenden, Praktikantinnen/Praktikanten und Selbstst0ändigen), einen qualitativen Studienteil mit Vertiefungsinterviews von Betroffenen sowie Fokusgruppendiskussionen mit verschiedenen Zielgruppen. Daneben wurden Rechtsfälle ausgewertet.

 

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)