Fachbeitrag | Mitbestimmung
16.06.2016

Schichtarbeit: Unbedingt den Schlaftyp beachten!

Wer im Schichtbetrieb arbeitet, lebt oft gegen den natürlichen Takt des Körpers :Die ständig wechselnden Schlaf- und Wachzeiten lassen die innere Uhr völlig durcheinander geraten. Schlafprobleme sind die Folge, aber auch Schwierigkeiten mit der Verdauung oder andere Stresssymptome.

Schlafrhythmus© Dan Race /​ fotolia.com

Mitbestimmung. Die Probleme vieler Menschen mit der Schichtarbeit folgen aus der Tatsache, dass ihr Tagesablauf von drei Rhythmen bestimmt wird:– der „inneren Uhr“, also dem ganz persönlichen Biorhythmus,– dem Arbeitsrhythmus und– dem Rhythmus des sozialen Lebens. Gerade bei der Schichtarbeit lassen sich diese drei Rhythmen oft nur schlecht aufeinander abstimmen– und genau darunter leiden viele Beschäftigte.

Lernen Sie Ihre innere Uhr kennen

Jeder Mensch hat einen individuellen Biorhythmus, der sich auch in seinen unterschiedlichen Phasen der Leistungsfähigkeit zeigt. Dieser Rhythmus wird von der sogenannten inneren Uhr vorgegeben, welche durch einen Nervenkernbereich in unserem Zwischenhirn gesteuert wird. Diese Uhr schaltet den Körper am Tag auf Leistungsbereitschaft, in der Nacht hingegen auf Erholung und Ruhe. Wer es schafft, in Einklang mit seiner inneren Uhr zu leben, ist wach und fit, wenn der Wecker klingelt. Die innere Uhr steuert die Körperfunktionen wie die Atmung und das Herz-Kreislaufsystem je nach Tageszeit. So sorgt sie dafür, dass Menschen tagsüber konzentriert arbeiten können. Mit den Körperfunktionen ändert sich nämlich auch die jeweilige Leistungsfähigkeit.

Die Leistungskurve ist grundsätzlich bei den meisten Menschen ähnlich

Einige Grundsätze lassen sich bei der Leistungsfähigkeit ableiten: So steigt bei allen die Leistungskurve im Laufe des Vormittags an. Generell erreicht sie zwischen 10 und 12 Uhr einen ersten großen Höhepunkt, um dann über die Mittagszeit wieder deutlich abzufallen. Am Nachmittag so grob gegen 15 – 17 Uhr folgt dann eine zweite leistungsstarke Phase. Während der Nacht sinkt die Leistungsfähigkeit auf ihren tiefsten Punkt und erreicht nur noch ca. 40 Prozent. Das ist der Grund, weshalb sich die meisten Schichtarbeiter nachts wesentlich mehr anstrengen müssen, um dieselbe Leistung zu erbringen wie bei einer tagsüber ausgeübten Tätigkeit.

Praxistipp

Die Tatsache, dass jeder Mensch seine eigene Chronobiologie hat, also die genetische Veranlagung dazu, eher ein „früher Vogel“ odertendenziell eine „Nachteule“ zu sein, könnten sich Unternehmen mit Schichtdienst verstärkt zunutze machen. So liefert eine Lerche, also ein Frühaufsteher, in der Frühschicht bessere Leistungen und ist zufriedener mit seiner Tätigkeit. Umgekehrt ist eine Eule in der Nachtschicht bestens aufgehoben.

Es gibt unterschiedliche Schlaftypen

Doch nicht allen Beschäftigten in der Spät- oder Nachtschicht macht diese Arbeitszeit etwas aus. Denn was Wissenschaftler akribisch ermittelt haben, ist den meisten Arbeitnehmern vermutlich selbst schon lange klar: Es gibt Morgenmenschen und Abendmenschen, auch Lerchen und Eulen genannt. Als Morgenmensch springt man frühmorgens mühelos aus dem Bett, startet aktiv in den Tag, hat aber mit den Nachtstunden nicht viel am Hut. Umgekehrt bei den Abendmenschen: Die stehen mit dem Wecker auf Kriegsfuß, haben ihre Probleme mit dem Aufstehen und brauchen Anlaufzeit, um überhaupt auf Touren zu kommen.

Leistungskurve und Schlafrhythmus

Fakt ist, Frühaufsteher und Abendmenschen haben lediglich einen anderen Schlafrhythmus. Wer gegen seinen persönlichen (Schlaf-) Rhythmuslebt, braucht für viele Dinge mehr Zeit als eigentlich notwendig. Falls möglich, sollten Sie daher Ihren Körper nicht zwingen, gegen diesen Rhythmusanzukämpfen. Ob Sie eine Lerche oder Eule sind, ist übrigens vorrangig eine Frage Ihrer Gene und dann erst Ihrer Gewohnheiten. Im Grunde kann also jeder nur versuchen, den Tagesrhythmus entsprechend seiner Veranlagung zu gestalten.

Best Practice: Schichtplangestaltung bei der thyssenkrupp Electrical Steel

Früher wurde im Betrieb an sechs Tagen der Woche in einem 4-Schicht-System produziert. Dieser Schichtplan sollte unter wissenschaftlicher Begleitung so umgestellt werden, dass die Schlaftypen der Beschäftigten stärker bei der Einteilung berücksichtigt werden. Dazu führten alle ein Schlaftagebuch und die Arbeitnehmerfüllten Fragebögen aus. Danach wurden die Beschäftigten entsprechend ihrer Schlafenszeiten an freien Tagen in vier Gruppen eingeteilt: frühe Lerchen, späte Lerchen, frühe Eulen, späte Eulen.

Entsprechend dieser Einteilung wurde der Schichtplan umgestellt. Im ursprünglichen Schichtplan hatte jede Gruppe jeweils drei zweitätige Früh-, Spät-, Nacht- und Freischichten. Im angepassten Schichtsystem hatte jede Gruppe drei Freischichten und

  • die frühen Lerchen: 7 Frühschichten, 2 Spätschichten,
  • die späten Lerchen: 3 Früh-, 4 Spät- und 2 Nachtschichten,
  • die frühen Eulen: 2 Früh-, 4 Spät- und 3 Nachtschichten sowie
  • die späten Eulen: 7 Nachtschichten und 2 Spätschichten.

Die Beschäftigten führten nach der Planumstellung erneut Buch. Dabei kam heraus, dass die frühen Lerchen und die späten Eulen am meisten von der Umstellung profitierten. Sie schliefen länger und fühlten sich deutlich besser.

Dennoch gab es auch Nachteile: Nur bei den frühen Lerchen nahm die Gesamtzufriedenheit zu, bei den anderen Schlaftypen eher ab. Denn mit dem geänderten Schichtplan ließen sich für viele Beschäftigte Beruf und Freizeit schlechter vereinbaren. Es kam zu vielen Überstunden oder Wochenendarbeit. Hier wird noch weiternach der optimalen Lösung gesucht.

Best Practice: Dienstplangestaltungbei der BVG

Der öffentliche Nahverkehr in Großstädten funktioniert nur, wenn die Fahrer im Schichtdienst arbeiten. Deshalb beschäftigt Betriebsärzte seitvielen Jahren die Frage, wie sie die Arbeitspläne möglichst mitarbeiterfreundlich gestalten können. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, aus vier sogenannten „Dienstlagen“, nämlich Früh-, Tag-, Spät- und Nachtdienst, eine Schicht auszuwählen, die ihren persönlichen Bedürfnissen entgegen kommt. „Die Mitarbeiter können sich ihre Dienstlage wünschen und sie in die Liste eintragen“, erläutert die leitende Betriebsärztin Manuela Huetten. „Besonders beliebt sind die Frühdienste, hier gibt es eine Warteliste“, sagt die Medizinerin. Der Aufwand für die Planung ist hoch, wenn die Wünsche von mehr als 3.000 Fahrern in die Dienstplanung einfließen, doch es lohnt sich. „Unsere Mitarbeiter sind deutlichzufriedener mit diesem System, denn die meisten arbeiten zu ihren Wunschzeiten“, sagt Huetten. Auch mit anderen Projekten, etwa möglichst nah am eigenen Wohnort zu arbeiten und Wege einzusparen, versucht das Unternehmen die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen. Grundsätzlich bindet das Gesundheitsmanagement die Mitarbeiter in die Projekte ein und fragt in regelmäßigen Abständen betroffene Fahrer, was sie von den Änderungen halten. „Natürlich haben wir aus arbeitsmedizinischer Sicht einen Blick auf die Dienstplangestaltung. Aber im Grund ist es so, dass der Dienst, den sich der Mensch wünscht, nicht krank macht. Wir haben eine hohe Akzeptanz unter den Mitarbeitern“, so die Medizinerin.

Setzen Sie das Thema auf die Agenda

Für Betriebsräte heißt das konkret: Sprechen Sie mit Ihren Arbeitgeber über mögliche Anpassungen in Ihren Schichtplänen. Hierzu können Sie Ihr erzwingbares Mitbestimmungsrecht nach § 87 Abs. 1Nr. 2 BetrVG nutzen. Machen Sie auf die Bedeutung der unterschiedlichen Schlaftypen aufmerksam. Vielleicht lässt sich auch in Ihrem Betrieb eine Untersuchung durchführen, um herauszufinden, welche Schlaftypen es unter den Beschäftigten gibt und wie sich die Gestaltung der Schichtpläne unterdiesem Aspekt verbessern könnte.

Mit diesem Leitfaden zum Download gelingt es Ihnen, einen Schichtplan aufzustellen, der für alle Mitarbeiter das geringste Übel darstellt.

 

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Autor: Silke Rohde (ist Rechtsanwältin & Journalistin sowie Chefredakteurin des Fachmagazins Betriebsrat KOMPAKT)

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