06.11.2017

Rund 600 Betriebsaktionen für „Gute Ausbildung – gute Arbeit“

Unverhältnismäßig hohe Arbeitslosenquoten – Jugendliche finden schwerer einen Job als Ältere. Und das obwohl die Zahl der jungen Leute schrumpft und viele länger in der Bildung bleiben. Die Politik bewirkt bislang wenig. ver.di will mit betrieblichen Aktionswochen gegensteuern.

ver.di Aktionswoche Ausbildung

Bundesweite Aktionswoche

Geschäftsführung Betriebsrat. Unter dem Motto „Gute Ausbildung – gute Arbeit“ startet die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) eine bundesweite Aktionswoche. Mit rund 600 Betriebsaktionen will sie vor allem mit Auszubildenden und jungen Beschäftigten ins Gespräch kommen. „Wir gehen in Ausbildungsbetriebe, um mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über ihre Ausbildungsbedingungen, Digitalisierungsprozesse und die Bedeutung von Gewerkschaften zu sprechen. Gerade in Zeiten des digitalen Umbruchs ist es wichtig, sich gemeinsam in einer Gewerkschaft für eine gute Arbeit auch in der Zukunft zu engagieren“, betont der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske laut einer Pressemitteilung seiner Organisation.

Bsirske in Dresden und Düsseldorf

In dieser Aktionswoche besucht Bsirske eine Versammlung von Auszubildenden der Dresdener Stadtverwaltung und Azubis der Deutschen Rentenversicherung in Düsseldorf. Auch über soziale Medien will man die Jugendlichen erreichen. Man will sie für Gewerkschaften interessieren. Zu diesem Zweck stellt sich der ver.di-Vorsitzende den Fragen des jungen Journalisten Marvin Neumann in dessen YouTube-Kanal „MinderestingPictures“. Seit 2013 richtet ver.di zweimal im Jahr gemeinsame bundesweite Aktionswochen aus, zuletzt im Juni dieses Jahrs zum Thema „Gute Löhne – Gute Rente“.

Alarmierende Signale

Die Aktionswoche von ver.di kommt nicht ohne Grund. Neueste Signale aus der Wissenschaft vorige Woche sind alarmierend. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Information für die Presse mitteilt, ist die Arbeitslosenquote der 15 bis 24-Jährigen viel höher als die älterer Personen. Das Institut legt dazu eine aktuelle Studie vor.

Jugendliche finden nur schwer eine Beschäftigung

Zwar sei die Jugendarbeitslosenquote in der EU in den letzten Jahren kräftig zurückgegangen. Gleichwohl falle es den Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach wie vor schwer, eine Beschäftigung zu finden. So ist die Arbeitslosenquote in der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren nach wie vor zweieinhalb Mal so hoch wie die der älteren Personen. Ein Effekt politischer Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit wie die „Jugendgarantie“ der EU sei nicht erkennbar. Bei den neu entstandenen Arbeitsplätzen für junge Leute handele es sich fast ausschließlich um befristete Jobs. Auch Teilzeittätigkeiten hätten stark zugenommen.

Erwerbspersonenpotenzial der Jugendlichen schrumpft

Im Frühjahr 2013 hatte die Jugendarbeitslosigkeit in Europa infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise mit 5,5 Millionen ihren Höhepunkt erreicht. Die EU-Mitgliedsstaaten beschlossen daraufhin Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, darunter die sogenannte Jugendgarantie. Sie sollte jedem arbeitslosen Jugendlichen innerhalb von vier Monaten eine Beschäftigungsstelle oder eine Qualifizierungsmöglichkeit verschaffen. Im weiteren Verlauf ging die Jugendarbeitslosigkeit bis zum zweiten Quartal 2017 um mehr als ein Drittel auf 3,8 Millionen zurück; die Arbeitslosenquote sank deutlich von 23,5 auf 16,9 Prozent.

Konjunkturelle Entwicklung

Dabei spielte allerdings die konjunkturelle Entwicklung eine große Rolle. Auch bei den Erwachsenen sanken Arbeitslosenzahl und -quote. Entgegen dem allgemeinen Trend hat sich aber, so die Studie, bei den Jugendlichen das Erwerbspersonenpotential verringert. Wegen der schlechten Arbeitsmarktlage blieben viele länger in der Ausbildung.

Hebel bei Berufsbildungssystemen ansetzen

„Die politischen Maßnahmen haben wenig gebracht“, resümiert DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. Wahrscheinlich habe man die Möglichkeiten der sogenannten aktiven Arbeitsmarktpolitik einmal mehr überschätzt. Der Hebel müsse bei den Berufsbildungssystemen angesetzt werden. In weiten Teilen Europas sei die Berufsbildung von der betrieblichen Praxis abgekoppelt. Ohne praktische Kenntnisse und Erfahrungen wird Jugendlichen dort der Zugang zum Arbeitsmarkt stark erschwert – anders als in den mitteleuropäischen Ländern mit ihren dualen Ausbildungssystemen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)