News | Mitbestimmung
13.10.2015

Reckitt Benckiser spült Tabs-Produktion ins Ausland

Beim Skat hält man den Trumpf so lange wie möglich auf der Hand, bevor man ihn ausspielt. Taktiert Reckitt Benckiser in Ladenburg auch so im Umgang mit den Beschäftigten? Der Hersteller von Spülmaschinen-Tabs will die Produktion nach Polen verlagern. Davon erfuhren die Mitarbeitern aber nichts – bis der Betriebsrat den Anwalt einschaltete.

Geschirrspültabs© euthymia /​ Fotolia

Wut eines Betriebsrates

Mitbestimmung. Detlef Siegel ist wütend. Der Betriebsratsvorsitzende von Reckitt Benckiser in Ladenburg empört sich vor allem über die „Unaufrichtigkeit“ der Geschäftsführung. Siegel hatte schon lange den Verdacht, dass das Ende der Produktion geplant ist.

Reckitt Benckiser: Informationen erst durch Anwalt

Von der Geschäftsführung seien jedoch bis vor kurzem alle diesbezüglichen Fragen verneint worden, gibt die „Rhein-Neckar-Zeitung“ Siegel wieder. Der Betriebsrat schaltete dem Bericht zufolge einen Anwalt ein. Erst dann habe das Unternehmen die Katze aus dem Sack gelassen. Und jetzt seien auch Termine für Verhandlungen über Sozialplan und Interessenausgleich vereinbart worden.

Betriebsversammlung mit vielen Fragen

Letzten Donnerstag war Betriebsversammlung im Ladenburger Werk. Sie sei sehr gut besucht gewesen, die Beschäftigten hätten viele Fragen, auf die es noch keine Antworten gebe. Aktionen seien denkbar, so Siegel: „Wir sammeln uns gerade, aber die Schließung wird nicht lautlos passieren.“

Finish für „Finish“ in Ladenburg

Mitte 2016 will die Unternehmensleitung  die Produktion von Spülmaschinen-Tabs der Marke „Finish“ schließen. Sie will man nach Polen verlagern. Betroffen sind 250 Beschäftigte. Der Standort habe immer schwarze Zahlen geschrieben, zitiert das Blatt Siegel. Zwischen 2001 und 2010 sei der operative Profit des Werks um mehr als fünfzig Prozent gesteigert worden, der Umsatz um knapp 30 Prozent.

Erdbeben am Neckar?

Aber in Polen winkt offenbar noch mehr Gewinn. Man brauche ein zweites Standbein, habe es zunächst geheißen. Zum Beispiel wegen Erdbeben- oder Hochwassergefahr am Neckar. Das Werk in Polen liegt an der Weichsel. „Dagegen ist der Neckar-Kanal ein Bach“, sagt Siegel.

Gewinn-Maximierung in Polen

Vor allem aber: Die Löhne seien dort niedriger, 24 Stunden an sieben Tagen könne produziert werden. Für Siegel reine Gewinn-Maximierung: „Es geht nur darum, die Rendite zu steigern und die Aktionäre zu bedienen.“

Spülmaschinentabs nach Italien

1851 gründeten Johann A. Benckiser und Ludwig Reimann eine Chemiefabrik, die ab 1858 in Ludwigshafen Phosphate produzierte. 2010 begann man mit der Verlagerung der Produktion des Wasserenthärters „Calgon“. Damals hatte das Werk noch 500 Mitarbeiter. 2011 wurde ein Teil der Produktion von Spülmaschinentabs nach Italien verlagert.

USA, Ungarn – jetzt Polen

Dann gab es einen Markenwechsel, aus „Calgonit“ wurde „Finish“. Eine weitere Produktionslinie von Tabs in wasserlöslicher Folie wurde nach Polen verlagert. 2013 wurden Kapazitäten in die USA verlagert, 2014 weitere nach Polen. Letztes Jahr wurde bereits eine Halle in Ungarn gebaut. Fertigung werde nun aus dem Werk in Polen nach Ungarn verlagert. Man will in Polen Platz für die Produktion aus Ladenburg schaffen.

Autor: Friedrich Oehlerking 

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