14.10.2020

Psychische Belastungen: Sprunghafter Anstieg des Behandlungsbedarfs

Die Zahl der Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen ist rasant gestiegen. Die Krankenkasse DAK Gesundheit verzeichnet nach neuesten Angaben von 2000 bis 2019 einen Anstieg der Ausfalltage infolge von Depressionen um 184 Prozent. Die Fehlzeiten wegen anderer Angststörungen wuchsen um 205 Prozent, Ausfälle durch Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen stiegen sogar um 332 Prozent.

Arbeitsunfähigkeit hat stark zugenommen

Die Zunahme der Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen sei „seit Jahren die bei Weitem auffälligste Entwicklung“, heißt es Zeitungsmeldungen zufolge in dem noch unveröffentlichten DAK-Bericht. Auch nach Angaben der Bundesregierung (BT-Drucksache 19/22034) ist die Zahl der psychotherapeutischen Behandlungsanfragen und Behandlungen von Erwachsenen und Kindern in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Demnach haben die Terminservicestellen (TSS) 2017 rund 61.000 Vermittlungswünsche für eine psychotherapeutische Sprechstunde registriert, 2018 waren es rund 99.000 und 2019 rund 131.000. Für kinder- und jugendpsychotherapeutische Termine lag die Zahl der Vermittlungswünsche 2017 bei rund 2.600, 2018 bei rund 4.200 und 2019 bei rund 6.000.

2,7 Millionen Akutbehandlungen

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden seit 2017 insgesamt rund 19 Millionen psychotherapeutische Sprechstunden abgehalten: 2017 waren es rund 4,35 Millionen, 2018 rund sieben Millionen und 2019 rund 7,7 Millionen. Auch die Zahl der psychotherapeutischen Akutbehandlungen hat stark zugenommen. 2017 waren es rund eine Million Akutbehandlungen, 2018 rund 2,3 Millionen und 2019 rund 2,7 Millionen.

Umfassende Gesundheits-Strategie als Maßnahme

Die Bundesregierung will eine Offensive für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz starten. Das kündigte Bundesarbeitsminister Heil (SPD) Anfang September 2020 beim Besuch eines Reha-Zentrums der Rentenversicherung Bund an. Er erwartet auch Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit vieler Menschen. Die Krise sei für viele Menschen ein Einschnitt und belaste die Psyche. Dies müsse langfristig bearbeitet werden. Es werde eine umfassende Strategie gebraucht, betonte Heil. Im Kampf gegen das Problem müssten Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsschutz sowie Gesundheits- und Familienpolitik Hand in Hand gehen. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz könnten unterschiedliche Ursachen haben, so Heil. Auch frühkindliche Belastungen, Traumatisierung, genetische Disposition und auch körperliche Erkrankungen könnten eine Rolle spielen.

Starke Zunahme von Krankheitstagen

Die Zahl der Tage mit Arbeitsunfähigkeit nach Krankschreibungen steigt seit Jahren an – allein zwischen 2011 und 2016 um mehr als 60 Prozent. Besonders stark nahmen mit fast 125 Prozent Krankheitstage wegen psychischer und Verhaltensstörungen zu. Bei Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes, nach wie vor die häufigste Ursache, betrug die Zunahme nur 62 Prozent.

Arbeitsausfall im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen

Auffallend häufig und deutlich über dem Durchschnitt lag der Arbeitsausfall durch psychische Belastungen in der öffentlichen Verwaltung. Dort wurden 382 Fehltage je 100 Versicherten ermittelt. Das waren 47 Prozent mehr als der DAK-Durchschnitt. Aber auch im Gesundheitswesen wurden bei diesem Krankheitsbild 338 Fehltage festgestellt.

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)