13.08.2015

Muss ich als Betriebsrat BWL-Kenntnisse haben?

Etliche Arbeitgebervertreter werfen den Betriebsräten mangelndes betriebswirtschaftliches Verständnis vor. Doch was würde solches Wissen nutzen? Schließlich kann es ja nicht Aufgabe des Betriebsrats sein, für den Arbeitgeber die Unternehmensberatung zu spielen. Der Berater Thomas Gerwert plädiert im Interview dennoch für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit in wirtschaftlichen Fragen.

Betriebsrat intern: Herr Gerwert, Sie kommen gerade von einer Betriebsversammlung. Wie lief es?

Thomas Gerwert: Also, ich bin durchaus zufrieden, weil man trotz aller Emotionen, die ja gern bei derlei Anlässen aufkommen, immer sachlich und vernünftig miteinander umgeht. So, wie es in einem Team ja eigentlich sein sollte.

 

Betriebsrat intern: Welche Themen stehen in dem Betrieb, den Sie beraten, aktuell an?

Thomas Gerwert: Wie in einigen Betrieben gerade in der Automobilbranche stellen sich immer wieder Fragen, wie man im internationalen Wettbewerb als Werk konkurrenzfähig bleiben kann. Wir haben vor Kurzem als Arbeitgeber mit dem Betriebsrat und der IG Metall Gespräche aufgenommen, um gemeinsam mit den Beschäftigten alle Möglichkeiten auszuschöpfen und Ideen zu generieren, wie wir dies an unserem Standort bestmöglich alle zusammen umsetzen können. Hierüber wurden heute die Mitarbeiter informiert und gleichzeitig aufgefordert, sich einzubringen. Neben diesem Thema informierte der Betriebsrat natürlich auch über seine Arbeit der letzten Monate, insbesondere über den Abschluss einer Betriebsvereinbarung zum betrieblichen Eingliederungsmanagement.

 

Betriebsrat intern: Warum sollte sich aus Ihrer Sicht ein Betriebsrat mit den Abläufen im Unternehmen beschäftigen? Das ist doch Sache des Arbeitgebers, könnte man denken …

Thomas Gerwert: Da gibt es aus meiner Sicht einige Gründe. Dies lässt sich recht gut anhand meiner aktuellen Aufgaben darstellen. Ein Werk wettbewerbsfähiger und damit attraktiver für die Zukunft auszurichten, kann und sollte nicht allein Sache der Arbeitgeberseite sein. Mal ehrlich: Wer von uns aus dem Management steckt wirklich tief in den Fertigungsabläufen drin, in den täglichen Problemen der Logistik, der Nachbereitung, der Qualitätskontrolle usw.? Wenn man wirklich Prozesse verändern will, dann braucht es Ansprechpartner, für die das täglich Brot ist, die einfach wissen, wie was funktioniert.

 

Betriebsrat intern: Welche Rolle kann dabei der Betriebsrat spielen?

Thomas Gerwert: Da man je nach Größe eines Betriebs nicht mit allen Mitarbeitern intensiv sprechen kann, ist es wichtig, Arbeitnehmervertreter zu haben, mit denen man sich über Ideen, Maßnahmen und deren Praktikabilität austauscht. Besser noch, die sogar aktiv diese Themen aufgreifen und beim Arbeitgeber platzieren. Also partnerschaftlich an der Entwicklung des Unternehmens mitwirken. Entscheidend ist dabei, dass gegenseitiges Vertrauen aufgebaut wird. Da ist ein gutes Verständnis für betriebliche Themen statt rein politischer Inhalte natürlich hilfreich.

 

Betriebsrat intern: Von Arbeitgebern kommt ja häufig die Aussage: „Es gibt keine Alternative …“

Thomas Gerwert: Kommt das nicht normalerweise von der Kanzlerin? Im Ernst, vielleicht gibt es auf Basis der Informationen für einen Entscheider aus subjektiver Sicht keine Alternative. Aber gerade in so einer Situation ist es doch wichtig, dass die Arbeitnehmervertreter sich auskennen mit den betrieblichen Abläufen. Dass sie bei einer solchen Aussage genau das aufzeigen können, was für das Gegenüber eben bis jetzt nicht erkennbar ist, eine Alternative. Durch gemeinsame Gespräche und sachliche Argumente können Arbeitnehmervertreter Sichtweisen entkräften und in andere Bahnen lenken.

 

Betriebsrat intern: Aus Ihrer Erfahrung: Was verändert sich im Verhältnis zum Arbeitgeber, wenn ein Betriebsrat wirtschaftlichen Sachverstand besitzt?

Thomas Gerwert: Grundsätzlich verliert der Betriebsrat das Klischee des Bremsers. Der gegenseitige Respekt nimmt zu, weil die Geschäftsführung merkt, dass der Betriebsrat sich ernsthaft mit betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Themen beschäftigt. Faktisch gewinnen dadurch beide Seiten. Insofern sollte also ein Eigeninteresse der Betriebsräte vorhanden sein, um auf Augenhöhe mit dem Arbeitgeber zu reden.

 

Betriebsrat intern: Wenn man das nun praktisch begreift: Wie geht das, „Abläufe besser zu verstehen“?

Thomas Gerwert: Na ja, zum einen unterstützen natürlich Schulungen die Betriebsräte. Insbesondere bei Finanzthemen, die ja ihre eigene Sprache haben. Hier wird auf jeden Fall nützliches theoretisches Wissen vermittelt, um das Grundverständnis für die doch recht neuen Sachverhalte zu wecken. Ferner müssen sich die Arbeitnehmervertreter selber mit Themen beschäftigen, die zu ihrer Rolle als Betriebsrat gehören. Das heißt Eigenstudium von Fachbeiträgen, Austausch mit anderen Betriebsräten.

 

Betriebsrat intern: Herr Gerwert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Thomas Gerwert
Thomas Gerwert

 

 

Thomas Gerwert: „Entscheidend ist, dass gegenseitig Vertrauen aufgebaut wird.“ Thomas Gerwert begleitet als Interimsmanager oder Berater Betriebe bei HR-Projekten, Restrukturierungen und dem Aufbau von Geschäftsfeldern.

 

 

 

 

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Autor: Redaktion Mitbestimmung