11.08.2017

Mitbestimmung gegen Populismus

Ausgegrenzt, zurückgesetzt, unterbezahlt – potentielle AfD-Wähler werden oft am Rande der Gesellschaft gesehen. Eine neue Studie deckt auf, dass auch Gewerkschaftsmitglieder nicht immun sind und welche Handlungsfelder die Politik hätte.

Kapital für Rechtspopulisten

Mitbestimmung. Menschen, die befürchten, dass es ihnen und ihren Kindern künftig schlechter gehen wird oder die der Meinung sind, dass auf mehreren Ebenen über sie hinweg entschieden wird, neigen überdurchschnittlich häufig der AfD zu. Das gilt insbesondere mit Blick auf das Arbeitsleben und für Beschäftigte, die Überwachung und Kontrolle am Arbeitsplatz erleben. Gewerkschaftsmitglieder sind davon im gleichen Maße wie Nichtmitglieder betroffen, zeigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie auf der Basis neuer repräsentativer Befragungsdaten.

Kontrollsorgen und Abstiegsangst

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des DGB und des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung, zufolge fördern „Kontrollsorgen, Abstiegsangst, Angst vor Arbeitslosigkeit und Verunsicherung über die Zukunft nachweislich den Zulauf zu Rechtspopulisten“. Um dem gegenzusteuern, könne die Antwort nur lauten: „Mehr Sicherheit im Betrieb mit Tarifverträgen und einer starken Mitbestimmung.“ Hinzu müsse eine Ordnung auf dem Arbeitsmarkt kommen, die Gute Arbeit fördert und sichert, prekäre Beschäftigung wie Leiharbeit eingrenzt und sachgrundlose Befristung abschafft. Hoffmann: „Wer noch mehr Zeitarbeit will, mehr Befristung oder die Arbeitszeit deregulieren will, wer nicht mal die Begriffe Tarifvertrag und Mitbestimmung im Wahlprogramm verankert hat, hat nicht verstanden, was auf dem Spiel steht.“

Repräsentative Umfrage

Für die Untersuchung haben der Soziologe und Wahlforscher Richard Hilmer, die Soziologieprofessorin Dr. Bettina Kohlrausch, die Soziologin Rita Müller-Hilmer und der Politikwissenschaftler Jérémie Gagné von Mitte Januar bis Anfang Februar 2017 knapp 5.000 Personen ab 18 Jahren zu ihren politischen Einstellungen, Wertorientierungen sowie Sichtweisen auf die Arbeitswelt befragt. Die Stichprobe der Online-Umfrage ist für die Wahlberechtigten in Deutschland repräsentativ. Über multivariante Analysen können die Forscher Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Antworten identifizieren.

Mehrheit der Bundesbürger zufrieden

Die Mehrheit der Bundesbürger ist mit ihrer aktuellen Lebenssituation zufrieden. Drei von vier bezeichnen die wirtschaftliche Lage in Deutschland als gut oder sehr gut. 56 Prozent bewerten auch die eigene finanzielle Situation positiv. Viele Bürger äußern Sorgen mit Blick auf die Zukunft. Globalisierung, Freihandel und Digitalisierung sorgen für Verunsicherung. Ein Auseinanderdriften der Gesellschaft sehen 53 Prozent der Befragten, viel Zusammenhalt nur 23 Prozent und 55 Prozent der Befragten sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder, 49 Prozent um ihre Altersversorgung.

Gewerkschaftmitgliedschaft und AfD: Kein Zusammenhang

Die Forscher weisen erstmals nach, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft und der Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen. Bei gleicher Ausgangslage verschiedener Personen mit jeweils:

  • gleichem Einkommen,
  • beruflicher Position,
  • Bildungsabschluss,
  • Alter,
  • Geschlecht und
  • Wohnsitz in Ost- bzw. Westdeutschland

macht es bei der Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen, keinen Unterschied, ob jemand Gewerkschaftsmitglied ist oder nicht. Wer sich in seiner Gewerkschaft aktiv engagiert, neige signifikant seltener Rechtspopulisten zu als wer dies nicht tut – so wie andere ehrenamtlich Engagierte auch.

Forderungen an die Politik

Die Auswertung liefert Anhaltspunkte für politisches Handeln. Sie zeigt, welche Einstellungen und soziale Lebenslagen die rechtspopulistische Orientierung verstärken und damit das rechte Lager vergrößern. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins am Arbeitsplatz spielt eine große Rolle.

Schutz vor Rechtspopulismus

Genauso lassen sich aber auch Faktoren identifizieren, die vor Rechtspopulismus schützen und damit Demokratie und Zusammenhalt in der Gesellschaft wie auch in der Arbeitswelt stärken. Menschen, die mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind, wählen seltener AfD. Deutlich hervorstechende Haltepunkte sind auch eine hohe Zustimmung zu Werten wie Weltoffenheit und Toleranz, Solidarität der Menschen untereinander und sozialer Gerechtigkeit. Nicht zuletzt ist es ehrenamtliches Engagement, das die Wahrscheinlichkeit verringert, in die Nähe von Rechten zu geraten.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)