10.08.2022

Mindesttemperatur am Arbeitsplatz

Angesichts der drohenden ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland ist eine heiße Debatte rund ums Energiesparen entbrannt. Ein Aspekt dreht sich in diesem Zuge um die allgemeine Forderung, Raumtemperaturen im Winter abzusenken. Daher prüfen EU, Ministerien und erste Unternehmen bereits, ob die Temperaturen am Arbeitsplatz gesenkt werden können. Fraglich ist jedoch, welche Raumtemperaturen im Büro angemessen und erlaubt sind.

Mindesttemperatur

Arbeitsstätten bieten großes Potenzial zum Energiesparen

Neben den Privathaushalten stellen Bürogebäude ein großes Potenzial dar, in dem Energiesparmaßnahmen greifen können. So gibt es bereits einen Entwurf für einen Notfallplan der Europäischen Kommission, nach dem öffentliche Gebäude, Büros und kommerzielle Gebäude ab Herbst 2022 bis maximal 19 Grad Celsius beheizt werden sollen. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag plädiert dafür, die gegenwärtigen in Büros und Werkhallen vorgeschriebenen Mindesttemperaturen herabzusetzen. Zudem prüfen Bundearbeits- und Wirtschaftsministerium mögliche Lösungen, wie bei Eintreten eines Gasnotstands der Zwang zu stärkerem Energiesparen mit dem Gesundheitsschutz der Belegschaften in Einklang gebracht werden könnte.

Regelung der Arbeitsstättenverordnung

Welche Temperaturen in Werkhallen, Büroräumen oder Lagerhallen mindesten vorherrschen sollten, regelt der Arbeitsschutz: Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) fordert für Arbeitsräume „gesundheitlich zuträgliche Raumtemperaturen“. Konkretere Details finden sich in den „Technischen Regeln Arbeitsstätten“ (ASR) für Raumtemperatur. Generell gilt, dass Belastungen der Arbeitnehmenden durch extreme Hitze und Kälte zu vermeiden sind. Je nach Art und Schwere der Tätigkeit sollten die Temperaturen zwischen 12 und 20 Grad Celsius betragen. 20 Grad gelten bei leichten Arbeiten, wie Bürotätigkeit, 12 Grad ist die angemessene Temperatur bei härteren körperlichen Verrichtungen. In Pausen-, Bereitschafts-, Sanitär-, Kantinen- und Erste-Hilfe-Räumen dagegen sollte die Temperatur bei 21 Grad liegen. Wenn die Unternehmen Waschräume mit Duschen zur Verfügung stellen, so sind dort sogar 24 Grad angesagt.

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sind dazu verpflichtet, ihre Belegschaft vor dem Frieren zu schützen. Liegen die Temperaturen in Büros oder Produktionshallen unter den geforderten Werten, so müssen sie entsprechende Maßnahmen ergreifen, um die geforderten Temperaturen wieder herzustellen. Die Frage stellt sich nun, ob ein Grad weniger zumutbar ist, um dem Gasnotstand entgegenzutreten. Es wird derzeit diskutiert, wie neue Regeln für die Arbeitsplatztemperatur durchsetzbar sind. Inwieweit die Belegschaften in Unternehmen, Ämtern und Institutionen einen wirksamen Beitrag leisten können, um den Erdgas- und Stromverbrauch zu reduzieren, damit wir ohne großen Schaden über den Winter kommen, steht noch nicht fest. Je nach Stärke der Krise kann es zu einer Anpassung der Grenzwerte kommen. Das Arbeitsministerium hält sich noch bedeckt und beruft sich auf die Arbeitsstättenregel, die keine verbindlichen Vorgaben für den Fall eines Gasnotstands treffe.

Unternehmen suchen nach Lösungen

In den Unternehmen selbst regt sich dagegen schon etwas. Einige Konzerne überlegen bereits konkret, inwieweit sie Temperatursenkungen erträglich umsetzen könnten. Manche Unternehmen planen Gespräche mit dem Personal- bzw. Betriebsrat, wie Volkswagen beispielweise. Die Deutsche Telekom steht vorübergehenden Änderungen an der derzeit gültigen Richtlinie zur Mindesttemperatur von 20 Grad bei leichten Arbeiten im Sitzen offen gegenüber. Die Supermarktkette Rewe prüft die Frage, ob die Temperatur in den Filialen leicht sinken könne. Hier ist aber das stromintensive Kühlen ein größeres Thema als das gasintensive Heizen. Der Softwarekonzern SAP sieht eine Lösung im Homeoffice, in dem viele Beschäftigte bereits jetzt arbeiteten.

Autor*in: Andrea Brill (Andrea Brill ist Pressereferentin und Fachjournalistin.)