05.09.2018

Mehr Qualifizierung der Beschäftigten im Zuge der Digitalisierung

Die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, befindet sich im Umbruch, ausgelöst durch den rasanten technologischen Fortschritt der digitalen Revolution. Viele Beschäftigte sind hochqualifiziert – aber das Tempo des Wandels ist höher. Selbst hervorragend ausgebildete Konstrukteure, die sich vor kurzem noch zur gefragten Fachkräfte-Elite zählen durften, machen eine ganz neue, ungewohnte Erfahrung: Sie müssen sich weiterbilden, wenn sie mit dem Wandel Schritt halten und ihre Jobs behalten wollen. Bundesarbeitsminister Heil (SPD) schrieb am 06.08.2018 in der FAZ dazu folgenden Gastbeitrag, den wir auch veröffentlichen, da die Personalräte künftig verstärkt auf eine umfassende zielgerichtete Fortbildung der Beschäftigten der Dienststelle achten müssen.

Digitalisierung

Sommer 2018 – ein Besuch in Niedersachsen, der Herzkammer der deutschen Autoindustrie:

Hier, bei einem führenden deutschen Ingenieursdienstleister, hat der nächste Strukturwandel bereits begonnen. Die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, befindet sich im Umbruch, ausgelöst durch den rasanten technologischen Fortschritt der digitalen Revolution. Wer mit Mitarbeitern, Managern und Betriebsräten des Mittelständlers über die Zukunft der Arbeit spricht, bekommt einen drastischen Einblick in die neue Wirklichkeit. Die Angestellten des Unternehmens sind hochqualifiziert – aber das Tempo des Wandels ist schlicht höher. Selbst hervorragend ausgebildete Konstrukteure, die sich vor kurzem noch zur gefragten Fachkräfte-Elite zählen durften, machen eine ganz neue, ungewohnte Erfahrung: Sie müssen sich weiterbilden, wenn sie mit dem Wandel Schritt halten und ihre Jobs behalten wollen. Mitarbeiter und Unternehmen stehen vor einer enormen Herausforderung: organisatorisch, finanziell, mental. Sie brauchen Chancen und Schutz im Wandel. Das ist Ziel meiner Qualifizierungsoffensive, die derzeit auf fahrlässige Art und Weise von den Unionsparteien blockiert wird.

Es ist ein Kraftakt, der auf unsere gesamte soziale Marktwirtschaft zukommt, damit die Digitalisierung unsere Gesellschaft nicht in Gewinner und Verlierer spaltet: Denn die überwiegende Zahl der Beschäftigten, die 2030 im Berufsleben stehen werden, sind die, die heute schon arbeiten. Sie sind bereits schulisch, beruflich oder akademisch ausgebildet. Doch die beruflichen Anforderungen im Jahr 2030 werden durch den rasanten Wandel teilweise nur noch wenig mit der Arbeit von heute zu tun haben.

Arbeit 4.0 und Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz sind im Begriff, unsere Arbeits- und Produktionsbedingungen tiefgreifend umzudefinieren – mit neuen Chancen für mehr und bessere Arbeit. Für neue Jobs und neue Berufsprofile. Für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und weniger Stress genauso wie für Entlastung bei harter körperlicher Arbeit.

Gleichzeitig werden in vielen Branchen auch Arbeitsplätze wegfallen: Experten gehen davon aus, dass jeder vierte Arbeitnehmer in den kommenden Jahren von Automatisierung betroffen sein könnte und sich beruflich neu orientieren muss – am Band wie im Büro.

Die gute Nachricht ist: Die Arbeit wird uns in Deutschland nicht ausgehen. Die Schreckensszenarien einer vollständig von Robotern beherrschten Arbeitswelt sind und bleiben Science-Fiction. Die anstrengende Nachricht ist: Es wird vielfach eine andere Arbeit sein.

Und die schlimme Nachricht: Deutschland ist bisher zu wenig auf den Arbeitsmarkt 4.0 vorbereitet. In einem Land, in dem gut ausgebildete Fachkräfte stets die Grundlage von Wachstum und Wohlstand waren und sind, können wir auf ihr Wissen und ihre Erfahrung nicht verzichten. Genau das tun wir aber, wenn wir zusehen, wie schon heute gerade der Mittelstand oft Schwierigkeiten hat, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen.

Hier liegt die Herausforderung:

Egal ob Facharbeiter, Handwerksmeister oder Ingenieurin – wir alle werden in den nächsten Jahren immer wieder neues Wissen und neue Fähigkeiten brauchen, um erfolgreich im Beruf zu bleiben. Weiterbildung muss zum selbstverständlichen Bestandteil jedes Berufslebens werden.

Diese Aufgabe ist zu groß, um sie allein den kurzsichtigen Marktgesetzen zu überlassen. Klar ist: In erster Linie liegt die Verantwortung für diese Qualifizierung bei den Unternehmen. Für die richtigen politischen Rahmenbedingungen muss jedoch die Bundesregierung sorgen.

Die nationale Weiterbildungsstrategie ist daher eines der zentralen Vorhaben der Großen Koalition. Angesichts des rasanten Tempos der Digitalisierung brauchen wir beim Thema Weiterbildung keinen minimalinvasiven Papiertiger, sondern ehrgeizige Weichenstellungen für die Zukunft der Arbeit in unserem Land.

Ich habe daher eine Qualifizierungsoffensive als ersten Baustein für die Weiterbildungsstrategie vorgeschlagen, die schnell und unmittelbar Wirkung auf dem Arbeitsmarkt zeigen kann.

Neben dem Anspruch auf Weiterbildungsberatung bei der Bundesagentur für Arbeit wollen wir Anreize zur Weiterbildung für Unternehmen und Beschäftigte schaffen, indem wir die Fördermöglichkeiten erweitern. Sie umfassen zukünftig nicht nur Weiterbildungskosten, sondern auch Zuschüsse zum Arbeitsentgelt und sind für mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zugänglich. Unternehmen und Beschäftigte erhalten so Sicherheit und Weiterbildungsförderung zugleich.

Gleichzeitig sichern wir flexiblere Arbeitsformen besser ab, wie sie als Projektarbeit im IT-Bereich häufig vorkommen, indem wir den Versicherungsschutz in der Arbeitslosenversicherung für mehr Menschen ausweiten und Zugang zum Arbeitslosengeld erleichtern. Wer Ansprüche erwirbt, soll auch versichert sein, so der Grundsatz.

Darüber hinaus schaffen wir Sicherheit und Anreize für Weiterbildung speziell für Arbeitslose, die sich qualifizieren und Anspruch auf Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbildung haben.

Dazu müssen alle mit vereinten Kräften mitziehen – auch in der Bundesregierung. Jetzt muss es darum gehen, dass wir einerseits die gute Lage am Arbeitsmarkt dafür nutzen, die Menschen finanziell zu entlasten. Ich kann mir vorstellen, dass wir die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um mehr als die vereinbarten 0,3 % senken.

Dazu müssen CDU und CSU jedoch aufhören, Investitionen in Weiterbildung und Qualifizierung zu blockieren: Denn so verhindert die Union nicht nur die Entlastung von heute, sondern macht sich auch verantwortlich für den Fachkräftemangel von morgen und wird so zur Wachstumsbremse von übermorgen. Das kann sich unser Land nicht leisten. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und nicht zuletzt der Mittelstand brauchen keine ideologiegetriebene Verweigerungspolitik, sondern handfeste und praktische Unterstützung für die betriebliche Realität.

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)