News | Personalrat
09.03.2016

Mehr befristete Arbeitsverträge im öffentlichen Dienst als in der Privatwirtschaft

Im öffentlichen Dienst sind viele Beschäftigte nur mit befristeten Arbeitsverträgen tätig. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). In ihr wird auch der Wissenschaftsbereich analysiert. Die Gewerkschaften kritisieren diese Praxis. Vor allem jüngere Menschen sind betroffen. In der Tarifrunde 2016 soll das Thema „Befristungen“ gewerkschaftlich „angegangen“ werden.

Befristete Arbeitsverträge© Bizhan33 /​​​​ iStock /​​​​ Thinkstock

Die Wissenschaftler des IAB stellen fest: „Befristete Arbeitsverträge spielen im öffentlichen Dienst eine größere Rolle als in der Privatwirtschaft.“ Dies gelte insbesondere für die Einstellungspraxis. Zudem würden die Übernahmechancen in öffentlichen Einrichtungen geringer ausfallen. Zu beobachten ist weiterhin, dass der Anteil befristet Beschäftigter im öffentlichen Sektor in der ersten Hälfte des Untersuchungszeitraums (2004 bis 2010) zugenommen hat, während seither eine leicht rückläufige Tendenz zu erkennen ist.

12,3 % der Arbeitnehmer im Länderdienst haben einen befristeten Vertrag, auf Bundesebene sind es 11,3 %. Die Kommunen haben 8,2 % ihrer Angestellten mit befristeten Verträgen beschäftigt. In wissenschaftlichen Einrichtungen sind es sogar 50 bis 90 % der Neueinstellungen.

Befristete Arbeitsverträge vor allem bei jüngeren Arbeitnehmern

Gewerkschaften und Arbeitgeber hatten das IAB im Zuge der vergangenen Einkommensrunde für die Beschäftigten von Bund und Kommunen im Jahr 2014 mit der Erhebung valider Daten zur Befristungspraxis im öffentlichen Dienst beauftragt, um die insbesondere von der Arbeitnehmerseite zunehmend scharf kritisierte ausufernde Einstellungs- und Beschäftigungspolitik auf Zeit wissenschaftlich aufarbeiten und bewerten zu lassen. Dazu wertete das IAB die vorhandenen Daten aus dem Betriebspanel, der Personalstandsstatistik des Statistischen Bundesamts und dem Mikrozensus aus. Zudem wurden Beweggründe und Details zur Befristungspraxis im Rahmen von Expertenbefragungen (Personalverantwortliche und Personalvertreter) in 15 repräsentativen Dienststellen erhoben. Im Ergebnis ermittelten die IAB-Wissenschaftler, dass der Anteil befristeter Arbeitsverhältnisse bei den Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst, einschließlich des Wissenschaftsbereichs, oberhalb von 15 % liegt. Zudem zeige sich, dass vor allem jüngere Arbeitnehmer unter 35 Jahren häufig befristet beschäftigt werden. Dort liegt der Befristungsanteil laut Studie mehr als doppelt so hoch wie in den übrigen Altersgruppen.

Ver.di will in der Tarifrunde 2016 das Thema „Befristungen im öffentlichen Dienst“ thematisieren und auf eine nachhaltige Änderung der bestehenden Befristungspraxis drängen. Der Deutsche Beamtenbund kritisiert die Entwicklung ebenfalls. „Die aktuellen Zahlen offenbaren ein massives Strukturproblem der Personalpolitik von Vater Staat: Befristete Beschäftigung kommt im öffentlichen Sektor immer häufiger als Notlösung für fehlende Stellen im Haushaltsplan zum Einsatz. Damit muss endlich Schluss sein. Insbesondere angesichts der Herausforderungen, die der öffentliche Dienst mit Blick auf die aktuell und in den kommenden Jahren anstehenden Aufgaben bewältigen muss“, kritisierte der dbb-Vize.

Die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst „müssen endlich umsteuern“, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. „Der öffentliche Dienst lebt heute von der Substanz, seine Leistungsfähigkeit steht auf dem Spiel. Personalbedarfe werden viel stärker als in der Privatwirtschaft nur kurzfristig ersetzt. Das ist seit zwanzig Jahren gängige Praxis, sodass der Altersdurchschnitt der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes vergleichsweise hoch ist.“

Autor: Werner Plaggemeier (Werner Plaggemeier ist Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“. )

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