News | Geschäftsführung Betriebsrat 06.09.2017

Löhne in Europa steigen real nur sehr langsam

Das wirtschaftliche Umfeld in Europa wird besser und besser – und die Löhne steigen nur langsam. Das dürfte eigentlich nicht nur nicht so sein. Vielmehr müssten die Löhne kräftig steigen. Davon hängen Inflationsrate und Nachhaltigkeit des Aufschwungs ab, sind sich EU und EZB einig.

Wachstum Reallöhne Europa

Deutschland über europäischem Durchschnitt

Geschäftsführung Betriebsrat. Im vergangenen Jahr legten die realen Effektivlöhne im EU-Schnitt um 1,5 Prozent zu. Im laufenden Jahr dürfte der Zuwachs durchschnittlich lediglich 0,4 Prozent betragen. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Europäische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Deutschland liegt demnach mit einem Reallohnzuwachs von 1,9 Prozent 2016 und prognostizierten 0,8 Prozent 2017 zwar über dem europäischen Durchschnitt. Angesichts des stabilen Aufschwungs sind die inflationsbereinigten Zuwächse aber auch hier sehr moderat.

Spielraum für eine stärkere Lohndynamik

Auch in Deutschland besteht nach Ansicht der WSI-Forscher Prof. Dr. Thorsten Schulten und Malte Lübker Spielraum für eine stärkere Lohndynamik. Um die Binnennachfrage und das Wachstum zu beleben, wären EU-weit deutlich stärkere Steigerungen sogar notwendig. Eine Reihe von Ökonomen und internationalen Institutionen sehe das mittlerweile genauso. Eine positive Lohnentwicklung sei entscheidend für die Nachhaltigkeit des Aufschwungs, heißt es von Seiten der Europäischen Kommission. Weitere Lohnsteigerungen würden nicht nur die private Nachfrage stärken, sondern auch zur Normalisierung der Inflationsrate beitragen. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) plädiere seit einiger Zeit offen für höhere Lohnzuwächse.

Derzeit geringe Preissteigerung

Aufgrund der aktuell geringen Preissteigerung schlugen sich der Studie zufolge Nominallohnerhöhungen 2016 fast ungebremst nieder. In diesem Jahr wird demzufolge die Inflation jedoch aufgrund höherer Energie- und Nahrungsmittelpreise anziehen. Dadurch hätten viele Menschen in Europa inflationsbereinigt kaum mehr in der Tasche. In Italien, Spanien, Großbritannien, Belgien, Finnland und Zypern müssen der Analyse zufolge die Beschäftigten 2017 sogar mit Reallohnverlusten rechnen.

Eurokrise noch nicht überwunden

Die Folgen der Eurokrise sind längst noch nicht überwunden. Das zeigt die längerfristige Entwicklung der Reallöhne. In zehn EU-Staaten liegt das Reallohnniveau noch immer unterhalb des Niveaus des Krisenjahrs 2009. Am deutlichsten ist diese Entwicklung in Griechenland. Dort sind die Reallöhne zwischen 2010 und 2017 um fast 23 Prozent gefallen. Es folgen:

  • Zypern (-12,8 Prozent),
  • Portugal (-8,6 Prozent),
  • Kroatien (-5,8 Prozent) und
  • Spanien (-5,5 Prozent).

Lediglich in einigen osteuropäischen Ländern kam es im gleichen Zeitraum zu kräftigen Reallohnzuwächsen, ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. Außerhalb von Osteuropa konnten Schweden (13,7 Prozent) Deutschland (9,8 Prozent), Malta (8 Prozent) und Irland (6,9 Prozent) seit 2010 deutlichere Reallohnzuwächse verzeichnen.

Lohnquote konstant

Trotz der Lohnzuwächse in Deutschland blieb die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitseinkommen am gesamten Volkseinkommen von 2010 bis 2017 konstant. Die Lohnerhöhungen der letzten Jahre waren vollständig durch Preis- und Produktivitätssteigerungen gedeckt. Deutschland hat überdies in den 1990er- und 2000er-Jahren einen starken Rückgang der Lohnquote erlebt. Die Entwicklung des aktuellen Jahrzehntes hat diesen Trend angehalten, aber nicht korrigiert. „Die deutsche Lohnpolitik ist damit weit von einer expansiven Ausrichtung entfernt und steht deshalb nach wie vor in der internationalen Kritik“, schreiben die WSI-Forscher.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)