07.06.2017

Linde-Betriebsrat für Werkerhalt, gegen Betriebsratskollegen

Betriebsratsbusting 2.0: Wenn du im Aufsichtsrat nicht so stimmst, wie wir es wünschen, schließen wir dein Werk. So erlebt jetzt offenbar vom Betriebsratsvorsitzenden des Dresdner Linde-Werks. Es ging um die Abstimmung zur Fusion mit US-Konkurrent Praxair. Sie ging durch.

Doppeltes Stimmrecht nicht genutzt

Mit 6 zu 5 stimmte der Linde-Aufsichtsrat letzte Woche für die Fusion. Wolfgang Reitzle, der ehemalige Linde-Chef und aktuelle Vorsitzende des Aufsichtsrates, musste nicht von seinem doppelten Stimmrecht Gebrauch machen. Wie der „Bayerische Rundfunk“ (BR) aus dem Umfeld des Gremiums erfahren haben will, enthielt sich der Betriebsratsvorsitzende des Dresdner Werks, Frank Sonntag, der Stimme. Er war in eine von der IG Metall scharf kritisierte Zwickmühle geraten. Sein Werk sollte nur dann nicht geschlossen werden, wenn er für die Fusion und damit gegen die anderen Betriebsräte und Gewerkschafter stimme.

Gewerkschaften befürchten Stellenabbau

Die amerikanischen Aktionäre werden, so berichtet der BR weiter, auf einer Hauptversammlung die Fusion beschließen. Den Linde-Aktionären soll nur ein Umtauschangebot – also ohne Hauptversammlung – vorgelegt werden. Das fusionierte Unternehmen soll den Namen „Linde“ behalten, seinen Sitz aber in Dublin haben. Die Gewerkschaften fürchten vor allem in Deutschland einen massiven Stellenabbau, obwohl das Management Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021 versprochen hat.

Größter Gasehersteller der Welt

Der Dax-Konzern Linde schließt sich damit mit dem US-Konkurrenten Praxair zum größten Gasehersteller der Welt zusammen. Der frühere Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle war vor einem Jahr als Aufsichtsratschef zurückgekehrt und trieb die Fusion voran. Er wird auch Aufsichtsratschef des fusionierten Unternehmens sein. „Wir machen aus zwei guten Unternehmen ein Weltklasse-Unternehmen“ – mit dieser Botschaft hat der lange Zeit so erfolgreiche Topmanager die Investoren überzeugt.

Linde-Börsenwert jetzt 31 Milliarden Euro

Sein Plan ließ dpa zufolge den Linde-Börsenwert um fünf Milliarden auf 31 Milliarden Euro steigen. Das Gasegeschäft stagniert derweil. In den Schwellenländern sind die Zeiten rasanten Wachstums vorbei. Die Umsätze von Linde und Praxair sind vergangenes Jahr gesunken. Der französische Konkurrent Air Liquide löste Linde durch die Übernahme einer US-Firma als Weltmarktführer ab. Linde produziert Gase für verschiedene Produkte von der Kohlensäure im Bier bis zum Sauerstoff für Klinikpatienten in Europa und Asien. Praxairs Stärke ist das Gasegeschäft in den USA – und Vorstandschef Steve Angel. Er soll überdurchschnittliche Profite herausholen und den neuen Konzern von den USA aus führen.

Zerstrittener Vorstand

Reitzle hatte zunächst einen zerstrittenen Vorstand in die Verhandlungen geschickt. „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt“, zitiert dpa Ingo Speich von Union Investment. Mit neuem Vorstands- und Finanzchef startete der zweite Anlauf – aber jetzt rebellierten die Gewerkschaften. „Wir befürchten, dass durch diese Fusion 8.000 bis 10.000 Arbeitsplätze weltweit gefährdet sind“, sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Der Europäische Betriebsrat warnte vor „einem Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Rente? Für andere, nicht für Reitzle

Reitzle ist 68 Jahre alt und könnte bereits in den Ruhestand gehen. Aber davon will er offenbar noch nichts wissen. Schon mit 38 Jahren wurde der Ingenieur BMW-Entwicklungsvorstand und brachte das Modell „X5“ als ersten Sportgeländewagen auf den Markt. Ab 2002 machte er die schwächelnde, von der Übernahme bedrohte Linde AG zu einer Goldgrube. Reitzle weist die Befürchtungen vor einem massiven Stellenabbau zurück. „Durch diesen Zusammenschluss werden weniger Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut“, sagt er. Statt geplanter 2.000 Stellen streiche Linde nur 950 Jobs und gebe eine Beschäftigungsgarantie bis 2021. Dazu, dass er für seinen Coup einen Betriebsratsvorsitzenden massiv unter Druck gesetzt haben könnte und dass manche in einem solchen Fall von Erpressung sprechen – dazu von Reitzle kein Wort bei dpa oder im BR.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)