Interview | Geschäftsführung Betriebsrat 24.09.2015

Letzte Rettung Mediation?

Ob zwischen Kollegen oder zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer – wo Menschen zusammentreffen, entstehen Konflikte – so auch in Unternehmen. Wie kann der Betriebsrat sich hier einschalten und hilfreich vermitteln? Was genau ist die Kunst der Mediation? Das haben wir Christina Broda gefragt, die Mediation und Betriebsberatung anbietet.

Geschäftsführung Betriebsrat. Betriebsrat intern: Frau Broda, welche Arten von Konflikten erleben Sie am häufigsten?

Christina Broda: Die meisten Konflikte sind Teamkonflikte, vor allem zwischen Mitarbeitern. Der Konflikt wirkt sich allerdings in der Regel auf das gesamte Team aus. Nicht nur ist die Stimmung schlecht, meistens versuchen auch beide Parteien, das Team auf ihre Seite zu ziehen. Nicht ganz so häufig sind Konflikte zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Dann geht es vorrangig um unterschiedliche Erwartungen an die Person oder die Arbeitshaltung des Mitarbeiters. Auch das wirkt sich auf das Team aus. Einige Kollegen ducken sich weg, anderen solidarisieren sich und machen Front gegen den Vorgesetzten. Selten sind Fälle, in denen das Betriebsratsgremium in die Mediation mit der Geschäftsleitung geht. Meistens wählen Betriebsräte dann doch den juristischen Weg oder die Einigungsstelle.

 

Betriebsrat intern: Was kann Mediation, wo sind ihre Grenzen?

Christina Broda: Mediation ist ein außergerichtliches Konfliktlösungsverfahren, bei dem der Mediator als unparteiischer Dritter die Konfliktparteien durch ein mehrstufiges Verfahren führt. Es wird so lange verhandelt, bis die Konfliktparteien einen fairen Interessenausgleich erarbeitet haben. Geht ein Streit anfangs immer um Positionen (ich will – ich will nicht), so geht es in der Mediation um die dahinter liegenden Interessen, also um die Frage „Warum ist das für Dich wichtig?“ Es geht darum, die Sichtweise des anderen zu verstehen und dann zu schauen, worin eine Lösung bestehen könnte, mit der alle gut leben können. Der Mediator gibt keine Lösungen vor, da die inhaltliche Gestaltungshoheit bei den Konfliktbeteiligten liegt. Grundvoraussetzung einer Mediation ist die Freiwilligkeit der Teilnahme. Das stellt gerade im Berufsleben ein Problem dar. Wie freiwillig ist die Teilnahme, wenn die Personalabteilung eine Mediation vorschlägt? Mediation ist für die meisten Konfliktfälle gut geeignet, funktioniert allerdings nicht in Fällen mit starkem hierarchischem Unterschied.

 

Betriebsrat intern: Sie kennen aus Ihrer Praxis viele Konflikte. Gibt es Muster, wie Konflikte verlaufen?

Christina Broda: Konflikte im Arbeitsumfeld werden oft sehr lange verdeckt ausgetragen, denn die Mitarbeiter fürchten disziplinarische Konsequenzen. Umso perfider sind die Mittel: Konflikte beginnen meist mit einem gewissen Unbehagen und man beginnt, Verhaltensweisen des Kollegen auf die Goldwaage zu legen. Schon die Art, wie er atmet, kann einen dann aufregen. Entweder verschließt man sich komplett oder fängt an zu sticheln. Patzige Antworten gehören dazu, oder sich im Team Verbündete zu suchen, über den anderen schlecht zu reden, seine Kompetenz anzugreifen oder Informationen vorzuenthalten.

 

Betriebsrat intern: Mit welchen Methoden erarbeiten Sie Lösungsansätze? Wie gehen Sie hier konkret vor?

Christina Broda: In der Vorlaufphase der Mediation wird besprochen, wer beteiligt ist und wer bei Bedarf noch hinzugezogen werden soll. Ich vereinbare mit den Konfliktpartnern, ob und wie das Ergebnis später beispielsweise dem Team kommuniziert werden soll. Eines meiner Hauptziele ist, die Konfliktpartner zu öffnen, damit sie sagen, was sie in ihrem tiefsten Innern wirklich wollen. Dazu muss der ganze Frust, der sich über lange Zeit aufgestaut hat, erst einmal herauskommen. Wenn der Konfliktpartner hört, was dem anderen auf der Seele brennt, fällt es ihm wesentlich leichter, Verständnis für dessen Sichtweise aufzubringen.

 

Betriebsrat intern: Kann der Betriebsrat Ihrer Erfahrung nach eine Vermittlerrolle im Unternehmen erfüllen?

Christina Broda: Die ureigene Aufgabe des Betriebsrats ist ja, Interessenvertreter der Arbeitnehmer zu sein. In dieser Rolle kann er selbstverständlich auch vermittelnd wirken, indem er mit den Beteiligten einzeln oder gemeinsam spricht. Falls der Konflikt weiter besteht, sollte der Betriebsrat geeignete Maßnahmen empfehlen, wie zum Beispiel eine Mediation. Er muss aber unbedingt darauf achten, nicht in den Konflikt hineingezogen zu werden. Rein theoretisch könnte ein Mitglied des Betriebsrats auch als Mediator fungieren, sofern es die Ausbildung hat. Ich halte das aber für keine glückliche Lösung, denn leicht droht der Betriebsrat dann Partei zu werden. Nehmen wir an, der Konflikt entsteht aus einer hohen Arbeitsbelastung heraus. Wie schnell ist dann der Betriebsrat in den Konflikt mit hineingezogen, weil er ja die Überstunden genehmigt hat, durch die es erst zu dieser Belastung kam. Und plötzlich kommt dann der Vermittler in eine Verteidigungshaltung. Von daher halte ich einen neutralen Dritten für wesentlich besser. Das sehe ich übrigens auch als Schutz für die Betriebsräte, denn sie haben schon genug Herausforderungen zu meistern.

 

Betriebsrat intern: Frau Broda, herzlichen Dank für das Interview!

 

Christina Broda bietet mit „Unternehmen Konsens“ Betriebsberatung, Mediation und Coaching in Schwalbach an. Ihr Motto: „Wo Gegensätze zusammenfinden, entsteht Frieden. Denn meist ist es nur eine andere Perspektive, eine neue Art ‚Brücke‘, die Menschen wieder zueinander kommen lässt“.

 

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Autor: Redaktion Mitbestimmung