News | Geschäftsführung Betriebsrat 03.06.2015

Immer weniger Betriebsräte im Osten

Tarifbindung? Betriebsrat? Und beides zusammen? Doch eigentlich wenigstens fast eine Selbstverständlichkeit – sollte man meinen. Nicht mehr im Osten Deutschlands. Vor allem in kleinen Unternehmen gibt es sie dort immer seltener, fanden Forscher des Leibniz-Instituts in Halle jetzt heraus. Sie glauben auch nicht mehr an eine Trendumkehr.

Rückgang um ein Viertel seit 1998

Geschäftsführung Betriebsrat. Der Anteil der Mitarbeiter unter Tarifvertrag und zugleich vertreten durch einen Betriebsrat sei in Ostdeutschland deutlich niedriger als im Westen. Wie Professor Dr. Steffen Müller, Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität und Mitglied in der Forschungsgruppe „Betriebliche Dynamiken und Beschäftigungsergebnisse“ am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mitteilt, sei dieser Anteil zwischen 1998 und 2013 um etwa ein Viertel gesunken.

Unterschied zwischen Ost und West

In Westdeutschland ging der Anteil von 45 auf 35 Prozent, in Ostdeutschland von 33 auf 25 Prozent zurück (siehe Abbildung). Vor dem Hintergrund theoretischer und empirischer Befunde stelle dieser Rückgang eine potenziell wichtige Veränderung dar. Beide Befundarten zeigten, dass Betriebsräte eine positive Wirkung auf die Produktivität haben können. Entscheidend sei dabei, ob der Betrieb tarifvertragsgebunden ist. Zudem stütze Empirie die These, wonach Betriebsräte stärkere Anreize hätten, auf die Steigerung der Produktivität hinzuwirken, wenn Verteilungskonflikte bereits auf überbetrieblicher Ebene gelöst wurden.

Abdeckungsgrad in Ostdeutschland

Der anhaltend geringere Abdeckungsgrad in Ostdeutschland biete sich zudem als mögliche Erklärung für einen Teil des ostdeutschen Produktivitätsrückstands an. Betrachtet man die betriebliche Ebene, zeige sich, dass der Anteil der Betriebe mit Tarifvertrag und Betriebsrat an allen Betrieben in Ost und West in etwa bei zehn Prozent liege.

Vorbild für Ausland

„Das deutsche Modell war lange Zeit als Vorbild im Ausland gesehen worden. Allerdings ist es in den USA bis heute verboten, in einem Unternehmen neben den Gewerkschaften noch andere Arbeitnehmervertretungen zu haben“, sagte Müller der Deutschen Presseagentur. Es sehe derzeit so aus, als ob das deutsche System mit Tarifbindung und Betriebsrat vielen Unternehmen nicht mehr zeitgemäß erscheine.

Welle von Austritten

Vor allem in den 1990er-Jahren habe es im Osten eine Welle von Austritten aus Tarifverträgen gegeben. Müller bringt diese Erscheinung mit einem Spiegelbild des Strukturwandels in Zusammenhang.

Keine Besserung in Sicht

Müller sieht keine Anzeichen dafür, dass die rückläufige Tendenz in den nächsten Jahren aufhört. Die spannende Frage sei, ob der Osten die Entwicklung im Westen vorwegnimmt. Einer der Gründe für den fortwährenden Rückgang könne sein, dass viele Berufsgruppen, die traditionell stark gewerkschaftlich vertreten sind, durch die technologischen Umwälzungen und durch zunehmende internationale Konkurrenz unter Druck geraten seien.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)