11.09.2017

H&M-Betriebsrat wehrt sich gegen Aus für Lager

Die schwedische Modekette H&M will offenbar ihr Lager bei Aschaffenburg schließen. Sie hüllt sich dazu weitgehend in ominöses Schweigen. Die Chefetage soll den Betriebsrat über solche Pläne nicht unterrichtet haben. Wollte man das Gremium unlängst loswerden?

Schließung Lager H&M

Aus für H&M Großostheim Mitte 2018?

Geschäftsführung Betriebsrat. Ihren Standort in Großostheim bei Aschaffenburg soll Modekette H&M spätestens Ende Juni 2018 aufgeben wollen. Das berichtet das in Würzburg erscheinende „Main-Echo“ unter Berufung auf Belegschaftskreise. Vertreter der Hamburger Zentrale hätten das demnach am Dienstag letzter Woche den Mitarbeitern mündlich mitgeteilt. Dann hätten sie den Mitarbeitern freigestellt, noch am Dienstag bei Lohnausgleich heimzugehen, um den Schock zu verdauen.

H&M-Vertreter kündigt Kündigung Mietvertrag an

Die Zeitung deutet dies als weiteres Zeichen dafür, dass der schwedische Modekonzern H&M sein Zentrallager in Großostheim mit 344 Beschäftigten tatsächlich schließen will. Der Vermieter, die Großostheimer Firma Wideflex, habe am Donnerstag auf Anfrage der Zeitung mitgeteilt, ein H&M-Vertreter aus Hamburg habe telefonisch angekündigt, den Vertrag kündigen zu wollen. Eine Kündigung des Mietvertrags zum Jahresende 2017 würde H&M erlauben, den 1998 bezogenen Standort im Großostheimer Industrie- und Handelspark Süd Ende 2018 zu verlassen.

Betriebsrat nicht rechtzeitig unterrichtet

Das Blatt zitiert Paul Lehmann vom ver.di-Bereich Handel. Er kritisiert das Vorgehen von H&M. Die Unternehmensleitung habe nicht, wie nach Betriebsverfassungsgesetz vorgeschrieben, den Betriebsrat rechtzeitig über die Planung der Arbeitsplätze unterrichtet. Nach dem Gesetz könne der Betriebsrat der Firma Vorschläge zur Sicherung der Beschäftigung machen.

Am Betriebsrat gesägt?

Mitarbeiter des H&M-Zentrallagers waren dem Bericht zufolge in den vergangenen Jahren immer wieder in Streik getreten, um beispielsweise die Zahl der Leiharbeiter zu reduzieren oder um Druck bei Tarifverhandlungen zu machen. Aus verschiedenen Belegschaftsquellen verlautete jetzt, das Management habe vor einigen Wochen versucht, den Betriebsrat abzusetzen. Auch habe man an der Personalpolitik und an veränderten und ausgedünnten Warenströmen erkennen können, dass das veraltete Lager auf eine Schließung zusteuere.

Auftritt vor den Mitarbeitern

In einer ersten Stellungnahme habe die deutsche H&M-Zentrale am Dienstag lediglich davon gesprochen, eine „Restrukturierung“ des deutschen Geschäftsbereichs Logistik zu planen. Auf eine erneute Anfrage habe H&M-Sprecherin Anna-Kathrin Bünger am Donnerstag erklärt, es gebe „eine Tendenz“ von Seiten des Managements, die das Unternehmen „intern unter Vorbehalt“ mitgeteilt habe. Die Firma habe aber „bisher keine endgültige Entscheidung“ getroffen. Man wolle sich „auf den internen Dialog mit den Arbeitnehmervertretungen“ konzentrieren. Dabei stehe eine „sozialverträgliche und wirtschaftlich notwendige Vorgehensweise“ im Mittelpunkt.

Gespräche mit Betriebsrat in Aussicht gestellt

Die Gewerkschaft ver.di will eine Schließung des H&M-Lagers verhindern. Lehmann zufolge sehen die Arbeitnehmer „keine wirtschaftliche Notwendigkeit“, das Lager zu schließen. ver.di strebe einen Tarifvertrag zur Sicherung des Standorts an. Über die nächsten Schritte wolle man mit dem Betriebsrat des Zentrallagers beraten, so der Gewerkschaftssekretär aus Bamberg. Offenbar war nicht nur ver.di überrascht von der Möglichkeit, dass H&M das Zentrallager in der Stockstädter Straße 15 schließen könnte. Ähnlich erging es Herbert Jakob (CSU), dem Bürgermeister der 16 000-Einwohner-Marktgemeinde. Möglicherweise war H&M selbst unter Zeitdruck geraten. Eine entsprechende interne Mail soll versehentlich an die Betriebsöffentlichkeit gelangt sein.

Bürgermeister enttäuscht

Jakob zeigte sich enttäuscht vom Vorgehen der Firma. Er wolle versuchen, Einfluss zu nehmen. Zum einen sorge er sich um die Schicksale der Menschen. Sie würden möglicherweise arbeitslos. Zum anderen fiele ein Gewerbesteuerzahler weg. Das H&M-Lager belegt in Großostheim 18.000 Quadratmeter Grundfläche und 40.000 Quadratmeter nutzbare Fläche. Vermieter Immobilienmanagement-Firma Wideflex erklärte, sie würde einen Abschied des „sehr großen und guten Kunden“ H&M bedauern. In der Logistik sei es nicht selbstverständlich, dass ein Unternehmen zwei Lagerhallen komplett klimatisieren lasse, wie dies bei H&M geschehen sei, hieß es. In dieser Branche herrschen Kostendruck und eine Tendenz zur Auslagerung. Lehmann hält H & M zugute, in dem Zentrallager Tariflöhne zu zahlen. Diese Bindung gelte nur noch für 30 Prozent des Einzelhandels. Großostheim hatte erst 2014 die Europazentrale des japanischen Spielkonsolen-Herstellers Nintendo mit rund 430 Arbeitsplätzen verloren.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)