News | Mitbestimmung
18.07.2016

Größere Chancen für Betriebsräte mit Gewerkschaft

Beschäftigte können einen Betriebsrat gründen – müssen es aber nicht immer. Trotzdem tun sie es in vielen Unternehmen. Warum? Anders als Unternehmensgründungen sind die von Betriebsräten wenig erforscht. Eine neue Studie bringt erstmals Licht in das Dunkel. Fazit: Die Gründe variieren.

Betriebsratsgründung© schinsilord /​ fotolia.com

Fünf Phasen der Betriebsratsgründung

Mitbestimmung. Fünf Phasen sind’s. So viele durchlaufen typischerweise die Gründungen eines Betriebsrates. Das fanden in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie die Soziologen Prof. Dr. Ingrid Artus, Clemens Kraetsch und Dr. Silke Röbenack von der Universität Erlangen-Nürnberg heraus. Die Phasen sind demnach:

  1. Stadium ohne formelle Interessenrepräsentation,
  2. Latenzphase: bei einem kleinen Kern der Belegschaft keimt Idee zur Einrichtung einer offiziellen Vertretung, erste Kontakte zu Gewerkschaften werden geknüpft,
  3. Einleitung rechtlich verbindlicher Schritte,
  4. erheblich dynamisierte Meinungs- und Gruppenbildung,
  5. Konstituierungsphase mit Wahl: Die frisch gekürten Vertreter müssen ein handlungsfähiges Kollektiv bilden, sich qualifizieren und einarbeiten, um letztlich „vertretungswirksam“ zu werden.

Kulturbruch oder langes Leiden

Wie dieser Prozess im Einzelnen verläuft, hängt nach Einschätzung der Wissenschaftler in erster Linie ab von:

  • der Mobilisierungsdynamik: Anlass kann ein punktuelles Ereignis oder ein langes Leiden der Belegschaft sein.
  • Wahrnehmung des Betriebsrates als legitime Vertretung aller Beschäftigten.

Fünf Varianten der Betriebsratsgründung

Dabei unterscheiden die Autoren fünf idealtypische Varianten:

  1. Betriebsrat als Schutz der gemeinschaftlichen Sozialordnung,
  2. Betriebsrat als Erweiterung der individuellen Interessenvertretung,
  3. Betriebsrat als Mittel kollektiver Emanzipation,
  4. Betriebsrat als Vertretung von Partialinteressen und
  5. Betriebsrat als Ausweg aus blockierte Partizipation.

Vertrauen zwischen Geschäftsführung und Belegschaft

Die erste Variante findet sich der Studie zufolge häufig in industriellen Mittel- und Kleinbetrieben mit qualifizierter Belegschaft. Hier herrscht ein vertrauensvolles Geben und Nehmen zwischen Geschäftsführung und Belegschaft.

Langwierige Probleme

Die zweite Variante ist in Wissensbetrieben mit hochqualifizierten, selbstbewussten Beschäftigten verbreitet. Hier ist die Gründung eines Betriebsrates eine Reaktion auf langwierige Probleme wie schleichend zunehmende Intransparenz und Ungerechtigkeit oder Autonomiebeschränkungen.

Dienstleistungsbetriebe mit prekären Arbeitsbedingungen

Die kollektive Emanzipation ist typisch für Dienstleistungsbetriebe mit prekären Arbeitsbedingungen wie Call Center, Pflegedienste oder Filialen der Systemgastronomie. Die Gründung eines Betriebsrates als Reaktion auf die jahrelange Verletzung von Ansprüchen auf Würde und Anerkennung durch autokratische Führung, Niedriglöhne und Gesundheitsrisiken.

Vertretung von Partialinteressen

Mit dem Betriebsrat als Vertretung von Partialinteressen reagiert ein Teil der Belegschaft auf nur sie betreffende Einzelereignisse. Die Initiative geht nicht selten vom mittleren Management aus.

Chronische Missstände

Im letzten Fall lassen chronische Missstände die Idee der Gründung regelmäßig aufflackern. Es fehlen überzeugende, entschlossene und repräsentative Akteure. Die Belegschaft ist gespalten. Abteilungen konkurrieren miteinander.

Interviews mit Arbeitnehmervertretern und Managern

Grundlage der Fallstudien sind ausführliche Interviews mit Arbeitnehmervertretern und Managern. Untersucht wurden 54 Betriebsratsgründungen in unterschiedlichen Branchen. Krisengründungen waren dabei in der Minderheit, Reaktionen auf langwierige Mängel in der Überzahl.

Steigende Erfolgschancen bei Unterstützung durch Gewerkschaften

Haupterkenntnis der Untersuchung: Die Erfolgschancen für eine Betriebsratsgründung steigen, wenn es engagierte Beschäftigte gibt, eine geschlossene Belegschaft – und Unterstützung durch Gewerkschaften.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)

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