18.01.2017

Geringqualifizierte eher anfällig für Scheinselbständigkeit

Verstärkt sollten Betriebsräte ihre Aufmerksamkeit geringer qualifizierten Mitarbeitern widmen – vor allem, wenn sie sich plötzlich selbständig machen wollen. Diese Beschäftigtengruppe läuft besonders Gefahr, auf Scheinangebote zur selbständigen Tätigkeit hereinzufallen, fand das IAB heraus.

Berufseinsteiger und Geringqualifizierte

Berufseinsteiger und Geringqualifizierte befinden sich häufiger in einem scheinselbständigen Vertragsverhältnis als andere Erwerbstätige. Das geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Erwerbstätige unter 25 Jahren haben demnach ein sechs Prozent höheres Risiko, scheinselbständig zu sein, als eine Vergleichsgruppe von 35- bis 44-Jährigen.

Grauzone zwischen abhängiger und selbständiger Erwerbstätigkeit

Für die Studie wurden 4.500 von insgesamt 33.000 kontaktierten Personen telefonisch befragt. Davon befanden sich 1.500 Personen in der Grauzone aus abhängiger und selbständiger Erwerbstätigkeit. Die übrigen 3.000 Befragten bildeten die Vergleichsgruppen der Selbständigen und abhängig Beschäftigten.

Zweifelhafter Eintritt in die Selbständigkeit

Das Fehlen eines beruflichen Abschlusses erhöht das Risiko einer scheinselbständigen Beschäftigung um drei Prozent. Bei der Entscheidung zu einer Selbständigkeit aus einer abhängigen Beschäftigung in einem Unternehmen mit Betriebsrat heraus kann dieser eventuell beratend eingreifen. Wer aus einer Arbeitslosigkeit heraus sich selbständig machen will, ist mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Er muss dann den Versprechen potenzieller sogenannter Auftraggeber vertrauen.

Selbständigkeit nach Arbeitslosigkeit

Je länger die Arbeitslosigkeit zuvor dauerte, desto höher dann das Risiko einer scheinselbständigen Beschäftigung. Das IAB schätzt dieses Risiko um etwa ein Prozent jährlich höher ein. Bei Personen mit Migrationshintergrund liegt es zwei Prozent höher als bei denen ohne Migrationshintergrund. Frauen sind dieser Gefahr im Vergleich zu Männern ebenfalls zu zwei Prozent mehr ausgesetzt.

Ungünstigere Arbeitsmarktvoraussetzungen

„Erwerbstätige mit ungünstigeren Arbeitsmarktvoraussetzungen üben mit höherer Wahrscheinlichkeit eine scheinselbständige Beschäftigung aus als andere Erwerbsgruppen“, schreiben die IAB-Arbeitsmarktforscher Hans Dietrich und Alexander Patzina. Scheinselbständig Beschäftigte erzielen durchschnittlich niedrigere Erwerbseinkommen als Personen, die vergleichbare Tätigkeiten entweder als regulär Selbständige oder in abhängiger Beschäftigung ausüben. Die Einkommensdifferenz beträgt rund 20 Prozent gegenüber abhängig Beschäftigten und 22 Prozent gegenüber tatsächlich Selbständigen.

Das Bundesarbeitsgericht-Modell

Die IAB-Studie stuft nach dem Bundesarbeitsgericht-Modell (BAG-Modell) für das Jahr 2014 rund 235.000 Erwerbstätige im Hauptgewerbe als potentiell scheinselbständig Beschäftigte ein. Das BAG-Modell orientiert sich wiederum an der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte auf Länder- und Bundesebene. In einer früheren IAB-Studie für das Jahr 1995 wurden rund 170.000 Erwerbstätige als potentiell scheinselbständig Beschäftigte im Hauptgewerbe eingestuft.

Potenziell scheinselbständige Nebentätigkeiten

„Bei der Bewertung der Befragungsbefunde ist die deutlich gestiegene Zahl der Erwerbstätigen insgesamt sowie insbesondere die steigende Zahl der Solo-Selbständigen zu berücksichtigen“, so die Forscher. Der Zuwachs der Zahl scheinselbständig Beschäftigter bleibe klar hinter dem Anstieg der Zahl der Solo-Selbständigen zurück. Deutlich gesunken ist die Zahl der von den Forschern als potenziell scheinselbständig eingestuften Nebentätigkeiten. Sie ist von 329.000 im Jahr 1995 auf 158.000 im Jahr 2014 zurückgegangen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)