02.08.2017

Generation Y hat Verbesserungspotenzial bei Mitbestimmung

Party, Party, Party – mehr wollen die Jungen gar nicht, hielt ihnen einst der Journalist Peter Scholl-Latour vor. Stimmt das? Nein, sagen die Verfasser einer neuen Studie zu Vorstellungen von jugendlichen Beschäftigten. Und bescheinigen ihnen ein hohes Maß an Solidarität.

Junge Beschäftigte Mitbestimmung

Generation Y zwischen Selbstverwirklichung und Arbeitswelt

Mitbestimmung. Die sogenannte „Generation Y“, also wer zwischen 1980 und 1999 geboren ist, sei vor allem an Selbstverwirklichung und Freizeit interessiert, lautet ein gängiges Vorurteil. Doch das stimmt so nicht, zeigt eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie von Dr. Sarah Nies und Dr. Knut Tullius. In vielen Punkten unterscheiden sich demnach die jüngeren gar nicht wesentlich von älteren Beschäftigten. Ein grundlegender Wertewandel bezogen auf Arbeit und Betrieb ist nicht erkennbar. Eine Besonderheit gibt es aber doch: Die unter 35-Jährigen hatten fast durchweg einen holprigen, durch Krisen geprägten Einstieg in die Arbeitswelt.

Interessen und Beteiligungsansprüche jüngerer Beschäftigter

Für die Studie haben Wissenschaftler vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) und vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) an der Universität Göttingen die Interessen und Beteiligungsansprüche jüngerer Beschäftigter untersucht. Dazu werteten sie Interviews mit insgesamt 34 abhängig Beschäftigten unter 35 Jahren in verschiedenen Branchen aus, die zu einem größeren Forschungsprojekt gehören. Dabei zeigt sich: Die jungen Arbeitnehmer verfügen über einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität. Sie wollen am Arbeitsplatz mitentscheiden, vor allem im Team oder in ihrer Abteilung. Und sie halten betriebliche oder gewerkschaftliche Interessenvertretungen für notwendig.

Entlassungen und Umbrüche in den Betrieben

In ihren wenigen Berufsjahren haben sie mehrere Krisen, zumal der Wirtschaft, erlebt, verbunden mit Entlassungen und Umbrüchen in den Betrieben. Viele von ihnen mussten von Beginn an mit prekären oder befristeten Beschäftigungsverhältnissen umgehen. Diese weit verbreitete Erfahrung hat Spuren hinterlassen. Die Wissenschaftler stellen eine „gewisse Anspannung“ unter den jungen Beschäftigten fest.

Gefühl der Unsicherheit

Bei vielen habe sich trotz großer Anpassungsfähigkeit ein Gefühl der Unsicherheit festgesetzt. Es halte selbst dann noch an, wenn sie eine unbefristete Vollzeitstelle gefunden haben. Folge: Aus Angst um den Arbeitsplatz trauten sich viele nicht, gerechtfertigte Forderungen zu stellen oder Grenzen zu setzen, so die Forscher. Die älteren Beschäftigten leiden zwar genauso unter den Krisen der jüngsten Zeit. Häufig können sie aber Selbstbewusstsein aus früheren, „besseren“ Zeiten ihres Berufslebens ziehen.

Sachzwänge und Anforderungen des Marktes

Zudem seien die Jüngeren eher bereit, mit „Sachzwängen“ oder „Anforderungen des Marktes“ begründete Entscheidungen der Unternehmensführung zu akzeptieren. Möglicherweise habe „die Durchsetzung von Wettbewerb und Marktprinzipien auf allen gesellschaftlichen Ebenen ihre Spuren in den Köpfen der jungen Generation hinterlassen“, schreiben die Wissenschaftler. Außerdem sei das Wissen um Arbeitnehmerrechte nur schwach ausgeprägt. Gleichwohl seien die jüngeren Beschäftigten lernfähig – mit zunehmender Erfahrung wachse die kritische Distanz. Betriebsräte könnten diesen Lernprozess unterstützen, indem sie „nicht nur über formelle Rechte aufklären, sondern Austausch ermöglichen und Orientierung“ bieten.

Individualistisch, aber nicht unsolidarisch

Bei allem Hang zu individualistischem Verhalten zeigten sich die Befragten nicht unsolidarisch oder ausgrenzend. Sie bewerten Gewerkschaften und Betriebsräte grundsätzlich positiv als eine „wichtige Gegenmacht“ zum Management. Sie verlassen sich darauf, dass eine funktionierende Interessenvertretung zumindest grobe Missstände verhindert, so dass eigene Aktivitäten als nicht notwendig erscheinen.

Grundsätzliche Demokratisierung des Unternehmens?

Das Modell der sozialpartnerschaftlichen „Stellvertreterpolitik“ stellen die Befragten nicht in Frage. Stimmen nach einer grundsätzlichen Demokratisierung des Unternehmens werden unter den jüngeren Beschäftigten nicht laut. „Weder erweisen sich die Ansprüche an Mitbestimmung und direkte Beteiligung als grundsätzlich weitreichender als diejenigen der älteren Generation, noch ist die Distanz zum Prinzip interessenpolitischer Stellvertretung so ausgeprägt, wie es der Generationenzuschreibung entsprechend zu erwarten wäre“, schreiben Nies und Tullius.

Betriebsräte und Klappern nach Handwerksart

Erfolgreiche Interessenvertretung hat allerdings eine Schattenseite. Die bloße Existenz kollektiver Interessenvertretungen gilt den Jungen als so selbstverständlich, dass deren Arbeit häufig gar nicht bemerkt werde. Viele jüngere Beschäftige wüssten schlichtweg nicht, welche Arbeitsbedingungen sie Gewerkschaften und Betriebsräten zu verdanken haben. Hier gelte es die Sichtbarkeit zu verbessern – Kommunikation tut not, oder: Klappern gehört zum Handwerk, auch von Betriebsräten.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist Journalist und Autor des Werkes Wirtschaftswissen für den Betriebsrat.)