News | Geschäftsführung Betriebsrat 21.12.2016

Forscher: Arbeitswelt am Scheideweg

Der digitale Umbruch trifft nicht nur die Beschäftigten in der Produktion. Auch die Angestellten in Entwicklung und Verwaltung müssen sich damit auseinandersetzen. Ganz neue Formen der Arbeitsorganisation werden dabei entstehen – mit nicht unbeträchtlichen Folgen für die Beschäftigten.

digitale Arbeitsorganisation

Neue Formen der Arbeitsorganisation

Geschäftsführung Betriebsrat. Die Arbeitswelt steht an einem Scheideweg. Zu diesem Ergebnis kommen jetzt Wissenschaftler des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München. Im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung untersuchten sie neue Formen der Arbeitsorganisation und deren mögliche Folgen für die Beschäftigten.

Lean und agil

Danach droht einerseits unter den Stichworten lean und agil die Organisation von Kopfarbeit an einem „digitalen Fließband“, andererseits zeichnen sich neue Möglichkeiten für mehr Selbstbestimmung und ein Empowerment, eine Stärkung der Beschäftigten ab. Gefragt ist nach Analyse der Forscher eine zielgerichtete Gestaltung des Wandels unter Beteiligung der Beschäftigten und der betrieblichen Mitbestimmung.

Strategischer Trend in den Angestelltenbereichen

„Die Übertragung von Lean-Konzepten aus der Fertigung und der Einsatz von agilen Methoden aus der Software-Entwicklung sind zu einem neuen strategischen Trend in den Angestelltenbereichen geworden“, erklärt Dr. Andreas Boes, Vorstandsmitglied am ISF. Sein Forschungsteam hat in Betriebsfallstudien mehr als 200 Interviews geführt. Deutlich wird: Es zeichnet sich eine grundlegende Wende in der Organisation von Arbeit und Wertschöpfung in den Büros der Angestellten ab.

Scrum vs. Wasserfall

Beispielhaft für diese Entwicklung sei die Software-Industrie. Agile Methoden, vor allem Scrum, ein Vorgehensmodell zur agilen Softwareentwicklung, kommen hier schon länger zum Einsatz. Sie ersetzen das bürokratisch organisierte, ebenfalls zumal in der Softwareentwicklung anzutreffende, lineare Wasserfallmodell mit seinen langen Planungs- und Projektlaufzeiten.

Dabei wird Software auf Basis eines festgelegten Lastenhefts als Gesamtprodukt entwickelt. Demgegenüber wird bei Scrum die Entwicklung in einzelne Teile zerlegt. Diese werden in kurzzyklischen Takten von zwei bis vier Wochen fertiggestellt und integriert. Das Scrum-Team kann seine Arbeitslast dabei selbst bestimmen. Die Teammitglieder legen in täglichen Treffen ihr Wissen und den aktuellen Stand ihrer Arbeit offen.

Standardisierung, zeitliche Taktung, maximale Transparenz

In Kombination mit Methoden des Lean-Managements wird es so möglich, selbst große Entwicklungsabteilungen mit mehreren Tausend Entwicklern synchronisiert in einem einheitlichen Takt schwingen zu lassen. „Wir haben es hier mit einem neuen industrialisierten Entwicklungsmodell zu tun“, betont Boes. Es setze sich in der Softwareindustrie flächendeckend durch und komme zunehmend auch in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen klassischer Industrie-Unternehmen zum Einsatz.

Reisekostenabrechnung im Workflow digitalisiert

Unterdessen macht der Wandel auch vor den Verwaltungsbereichen nicht halt. Die Arbeit in Personal– und Finanzabteilungen oder im Vertrieb werde „immer standardisierter und prozessorientierter“, konstatieren die ISF-Experten. Der konkrete Arbeitsgegenstand, zum Beispiel eine Reisekostenabrechnung oder eine Bestellung, wird digitalisiert und in den Workflow eingespeist. Ticket-Systeme versorgen den Einzelnen kontinuierlich mit Aufträgen – wie am Fließband.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)