10.11.2017

Eurowings-Mitarbeiter warnen Air-Berlin-Kollegen

Nach dem Ende von Air Berlin sorgen sich deren frühere Mitarbeiter um die Zukunft. Einige werden von dem Käufer Lufthansa übernommen. Andere überlegen, ob sie zu deren Tochter Eurowings gehen. Doch davor warnen sie dortige Kollegen. Sie wählen erst jetzt einen Betriebsrat.

Eurowings-Mitarbeiter warnen Air-Berlin-Kollegen

Einigung mit Cockpit

Geschäftsführung Betriebsrat. Mit der deutschen Eurowings hat sich die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit auf einen Tarifvertrag für Air-Berlin-Personal geeinigt. Dieser soll ein Wachstum in Deutschland ermöglichen, was für den Konzern vorher nicht problemlos möglich war. Also alles in Ordnung? Offenbar nicht so ganz. Mitarbeiter von Eurowings warnen jetzt ihre potenziellen Neu-Kollegen aus den Reihen der Air Berlin. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber.

Anonymer Brief

Online-Plattform „airliners.de“ berichtet über einen anonymen Brief der Mitarbeiter der Lufthansa-Tochter Eurowings Europe. Darin warnen sie das frühere Personal von Air Berlin vor ihren eigenen Jobs. In dem Schreiben heißt es, viele Mitarbeiter von Eurowings Europe wären bereit, „sofort zu Ryanair zu wechseln“. Dabei wird der irische Billigflieger immer wieder für seine Arbeitsbedingungen kritisiert.

Tarifloses Konstrukt in Österreich

Eurowings Europe wurde, so der Vorwurf der Mitarbeiter, als tarifloses Konstrukt in Österreich gegründet. Dort sei das Streikrecht deutlich schwächer. Bei Eurowings Europe gebe es derzeit keinen Betriebsrat, keine Tarifverträge und keinerlei Mitbestimmung durch die Mitarbeiter. „Dies führt dazu, dass der Arbeitgeber machen kann, was er will, was auch maximal ausgenutzt wird“, zitiert die Plattform aus dem ihr vorliegenden Brief.

Gleicher Job, verschiedenes Geld

So soll Eurowings Mitarbeiter unterschiedlich behandeln – und das laut dem Mitarbeiter-Brief keineswegs nur zwischen den verschiedenen Basen, sondern auch innerhalb. Es gebe „Unterschiede beim Gehalt, der Anzahl der Urlaubs- sowie Off-Tage und bei der Art der Bezahlungsgrundlage“. Mit der Folge, dass der Kollege, dem ein Pilot einen Flieger übergibt, möglicherweise mehr Gehalt, mehr Urlaub und mehr Off bekommt – und das für den gleichen Job. Beispielsweise beanstanden die Mitarbeiter, dass in einigen Fällen das Grundgehalt sinke, wenn die Person krank ausfalle. Grippe, zwei Wochen krank im Bett, bedeute 40 Prozent oder teilweise 2.000 Euro weniger Monatsgehalt. Auch gebe es „keinerlei Altersvorsorge“, die Kündigungsfrist seitens des Arbeitgebers betrage 15 Tage, heißt es. Viele Air Berliner fingen bei Eurowings Europe bei null an.

Eurowings widerspricht Vorwürfen

Bei Eurowings sei man „erschüttert“ über den Brief. Eilig habe man in Zusammenarbeit mit den Basen in Österreich und Spanien ein Statement von Eurowings-Europe-Geschäftsführer Robert Jahn und Eurowings-COO Michael Knitter sowie einen Faktencheck ausgearbeitet. Danach will das Unternehmen zu 100 Prozent immer lokal einschlägige Regelungen und Gesetze zur Sozialversicherung und zum Arbeitsrecht der Länder berücksichtigen, in denen sich ein Flugbetrieb oder eine Betriebsstätte befindet. In Spanien, an der Basis am Flughafen Palma de Mallorca gehe man sogar über das hinaus, was der Gesetzgeber fordert. Dem Vorwurf, Eurowings Europe würde im Krankheitsfall die Gehaltszahlungen einstellen, widerspricht das Unternehmen. Bei Gehalt und Kündigungsfristen orientiere man sich an den gesetzlich gültigen Vorgaben.

Mitarbeiter von Niki und LGW

Fliegendes Personal müsse zudem nicht bei Null anfangen. Ein Flugkapitän mit 9.000 Stunden Erfahrung würde bei Eurowings mit einem „garantierten Jahresgehalt von knapp 125.000 Euro“ einsteigen, so Eurowings auf Anfrage der Plattform. Bei einem Ersten Offizier mit 9.000 Stunden Gesamt-Flugerfahrung liege das Gehalt bei 84.000 Euro. Von den zuletzt rund 8.000 Air-Berlin-Mitarbeitern will dem Bericht zufolge Eurowings mit den früheren Air-Berlin-Tochterunternehmen, der österreichischen Airline „Niki“ und der deutsche Luftfahrtgesellschaft Walter mbH (LGW) mit Sitz in Dortmund, 1.700 direkt übernehmen. Weitere rund 1.300 können sich auf angebotene Stellen bewerben.

Bewerberzahlen steigen täglich

„Auf die 400 Pilotenstellen kommen inzwischen 1.100 Bewerbungen, davon 300 von Air-Berlin-Mitarbeiter. Auf die 800 ausgeschriebenen Flugbegleiterjobs liegen uns bereits 1.400 Bewerbungen vor, hiervon stammen 450 von Air Berlinern“, zitiert „airliners.de“ Jahn. Die Bewerberzahlen stiegen jeden Tag. Bislang habe man mehr als 400 Air Berlinern eine Einstellungszusage gegeben.

Kein Tarif, kein Betriebsrat

Eurowings Europe hat bis heute keinen Tarifvertrag. Die österreichische Gewerkschaft Vida hat Anfang Oktober ihren seit eineinhalb Jahren andauernden Versuch, einen Kollektivvertrag abzuschließen, eingestellt. Es habe keine Aussicht auf Erfolg mehr gegeben, heißt es. Man habe Vida dieselben Konditionen wie bei der österreichischen Air Berlin-Tochter Niki angeboten. Das sei abgelehnt worden. Man sei jederzeit wieder bereit, an den Verhandlungstisch zurück zu kehren, heißt es von Eurowings. An diesem Donnerstag finden bei Eurowings Europe Wahlen für einen Betriebsrat statt. Der Termin sei schon seit langem angesetzt. Er resultiere nicht aus den aktuellen Umständen, versichert die Kranich-Billigtochter gegenüber „airliners.de“.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)