News | Wirtschaftswissen
22.06.2015

Eine halbe Million Arbeitsplätze gefährdet

Die EU sagt: die Sanktionen gegen Russland sind ein voller Erfolg. Russland sagt: nichts da, uns geht es prima, die Sanktionen schaden in erster Linie den Volkswirtschaften in der EU. Österreichische Wissenschaftler haben im Auftrag führender europäischer Tageszeitungen nachgerechnet. Danach stehen auf jeden Fall die Hauptleidtragenden der Sanktionen fest: Deutschlands Arbeitnehmer. Eine halbe Million seiner Arbeitsplätze sind gefährdet.

© ostrid /​ fotolai.com

„Russland-Krise kostet Europa bis zu 100 Milliarden Euro“

„Russland-Krise kostet Europa bis zu 100 Milliarden Euro“, schlagzeilt die „Welt“. Das Blatt gehört zu einer Allianz führender europäischer Tageszeitungen (LENA). Sie hat bei dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) in Wien eine Studie zu den EU-Sanktionen gegen Russland in Auftrag gegeben. Ergebnis:

  • Europaweit sind weit mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze,
  • die meisten davon, fast ein Viertel oder rund 500.000 allein in Deutschland und
  • rund 100 Milliarden Euro an Wertschöpfung in Gefahr,
  • davon allein in Deutschland rund 27 Milliarden Euro.

EU-Außenminister entscheiden heute über Sanktionen

Die europäischen Außenminister wollen am heutigen Montag in Brüssel über die Fortsetzung der Sanktionen gegen Russland entscheiden. Bereits auf dem G-7-Gipfel im oberbayerischen Elmau hatten sich die Regierungschefs darauf verständigt, an den Sanktionen gegen Russland festzuhalten.

Deutsche Arbeitsplätze am meisten betroffen

Keine andere große europäische Volkswirtschaft wäre der Wifo-Studie zufolge so stark betroffen wie Deutschland. Polen würde demnach etwa 350.000, Italien etwas mehr als 215.000 Arbeitsplätze verlieren; in Spanien wäre es immer noch 160.000, in Frankreich knapp 150.000 Arbeitsplätze.

Keine Bestätigung von EU

Solche Berechnungen werden von der EU nicht bestätigt. Die Kommission nimmt „Welt“ zufolge nur eine kurzfristige Betrachtung vor. Das Wifo geht demgegenüber davon aus, dass die Sanktionen über 2015 hinausgehen werden. Entsprechend halte die Kommission Auswirkungen der Handelsbeschränkungen für die europäische Wirtschaft für „relativ klein und handhabbar“. Unternehmen würden einen Teil der Waren nun in andere Länder verkaufen, etwa auch im Agrarsektor.

Wissenschaft kritisiert EU-Kommission

Von anderer wissenschaftlicher Seite werde das Monitoring der Sanktionen durch die EU scharf kritisiert. „Die Europäische Union hat keine Vergleichsmaßstäbe oder Modelle, um die Effektivität der Sanktionen zu bemessen“, wird ein Wissenschaftler der London School of Economics zitiert.

Öffentliches Informationsdefizit bei der EU-Kommission

Und die LENA-Reporter sehen zumindest ein öffentliches Informationsdefizit bei der EU-Kommission. Die Kommission frage zwar „streng vertraulich“ die wirtschaftlichen Folgen bei den EU-Staaten ab. Doch nicht einmal die Europaabgeordneten kennten diesen Bericht der Kommission.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)

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