News | Mitbestimmung
30.09.2016

Betriebsrat für Neubau des Altenheims in Dotzheim

In Wiesbaden-Dotzheim ist das kommunale Altenheim selbst ein Pflegefall. Im Rathaus sprach man sich für eine Sanierung bei laufendem Betrieb aus – Operation am offenen Herzen sozusagen. Doch jetzt fand sich ein gewichtiger Fürsprecher für einen Neubau: der Betriebsrat des Moritz-Lang-Hauses.

Sanierung oder Neubau Altenheim?© drubig-photo /​ fotolia.com

Neubau bei Helios-Kliniken

Mitbestimmung. Der Betriebsrat des Moritz-Lang-Hauses sieht „deutlich mehr Gründe“ für einen Neubau. Ein solcher würde auf dem Freudenberg unterhalb der dort entstehenden neuen Helios-Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) entstehen.

Schützenhilfe für CDU

Der Betriebsrat leistet damit Schützenhilfe für die CDU. Außer ihr hatten sich erst kürzlich alle großen Parteien im Rathaus auf Anfrage des „Wiesbadener Kuriers“ dafür ausgesprochen, das marode kommunale Altenheim in Dotzheim bei laufendem Betrieb zu sanieren.

Betriebsratsbrief an Politiker

In einem Brief an die Fraktionen und den Ortsbeirat liefert die Personalvertretung jetzt auf drei Seiten die Begründung. Darin fordert sie die Politiker auf: „Hören Sie auf die Mitarbeiter!“ Schließlich seien diese „die Experten vor Ort“. Sie müssten hernach die Entscheidung mit Leben füllen. Bislang würden bei der Diskussion „angebrachte und zwingende Gründe übersehen oder bagatellisiert“.

Machbarkeitsstudie für Sanierung

Dem Betriebsrat zufolge stammt der derzeit für eine Sanierung diskutierte Entwurf aus einer Machbarkeitsstudie. Danach müsste man erst einen derzeit ungenutzten Flügel des Hauses abreißen und neu bauen. Dorthin sollen dann die Bewohner ziehen, bevor der bestehende Bau kernsaniert würde. Später sollen dort wie bisher 126 Bewohner leben.

Langwierige Sanierung

Allein für Ausschreibung und konkrete Planung müssten zwei bis drei Jahre eingeplant werden. Die Pläne für einen 180-Betten-Neubau an den HSK seien hingegen schon seit Jahren fertig.

Mitarbeiter gegen Sanierungsentwurf

Auch sonst fällt der Sanierungsentwurf bei den Mitarbeitern komplett durch. Der Betriebsrat befürchtet ein „arbeitsorganisatorisches Desaster“. Das Personal müsste „über mehrere Etagen springen“. Das mache eine „bewohnerorientierte Arbeitsweise“ unmöglich. Völlig unklar seien auch noch die Kosten einer Sanierung.

Lärm und Dreck

Käme hinzu enorme Belästigung durch Lärm, Dreck und Verkehrsbehinderungen. Sie würde von den Politikern „kleingeredet“. Die Mitarbeiter befürchten bei den Bewohnern dadurch massive Verhaltensauffälligkeiten. Zudem fragt der Betriebsrat nach „wahrscheinlichen gesundheitlichen Belastungen“ für Personal, Bewohner sowie die Schüler der nahen Schelmengraben-Schule durch den Abbruch des aus den 1970er Jahren stammenden Hauses.

Quartiersnähe unrealistisch

Auch der Hinweis auf die „Quartiersnähe“ des jetzigen Standortes sei „unrealistisch“. „Wir haben derzeit keine Bewohner, die in der Lage wären, den steilen Berg nach Dotzheim zu bezwingen“, heißt es in dem Schreiben des Betriebsrates. Es sei eine falsche Vorstellung, in dem Heim lebten „rüstige Rentner“. Vielmehr handele es sich überwiegend um Menschen mit multiplen Krankheitsbildern.

Beispiel für Realitätsferne der Politik

Anders ein Neubau auf dem Freudenberg. Der wäre „mit seiner grandiosen Aussicht vom Wohnbereich, einem angelegten Park direkt ebenerdig am Haus sowie der geplanten Dachterrasse ein deutlich attraktiverer Pluspunkt als die viel beschworene Quartiersnähe“. – Ein Beispiel der wachsenden Realitätsferne von Politik.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)

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