24.08.2017

Betriebsrat des Müllofens Göppingen kritisiert Kritiker

Warum soll die Kapazität eines Müllofens steigen, wenn immer weniger Müll anfällt? Und wie hoch ist die Belastung mit hoch giftigen Furanen und Dioxinen? Derlei Fragen stellen gerade Kritiker der Einrichtung in Göppingen. Antworten bekommen sie von deren Betriebsrat per Brief.

Müllofen Göppingen Kritiker

EEW seit 2016 in chinesischem Besitz

Geschäftsführung Betriebsrat. Reinhard Lehniger, Betriebsratsvorsitzender der EEW Energy from Waste Göppingen GmbH, übt harsche Kritik an der Initiative „Müll-Konzept-Göppingen“. Sein Unternehmen betreibt den Müllofen der Stadt. Die Firma gehört seit 2016 dem chinesischen Staatskonzern Beijing Enterprises Holdings Limited. Bereits in den 1990er-Jahren war die Initiative unter dem Namen „Das bessere Müllkonzept“ aktiv. Seit Monaten ertrügen Mitarbeiter und Management der EEW Göppingen „die von Ihnen in die Öffentlichkeit getragenen Behauptungen geduldig“, zitiert die „Südwest Presse“ aus einem Offenen Brief Lehnigers an die Initiative und ihren Vorsitzenden, den Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. med. Michael Peter Jaumann.

Durchsatzerhöhung des Müllheizkraftwerks

EEW hat beim Kreis eine Durchsatzerhöhung des Müllheizkraftwerks von derzeit 157.000 auf künftig 180.000 Tonnen Müll beantragt. Auf Antrag der Kreistagsfraktion der Grünen hatte der Kreistag den zunächst für 14. Juli anberaumten Beschluss vertagt. Laut einem Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ sorgen sich Kreisbewohner vor allem um die gesundheitlichen Folgen durch die Emissionen der Anlage sowie um die Anreicherung von Schadstoffen in Böden und Lebensmitteln. Jaumann behauptet u.a., die Belastungen mit hoch giftigen, langlebigen Dioxinen und Furanen seien in der Umgebung der Anlage durch Anreicherung in den letzten zwanzig Jahren gestiegen, auch wenn die Grenzwerte eingehalten wurden.

Gefahr für die Bürger

„Gebetsmühlenartig“ trügen die Kritiker vor, dass das Müllheizkraftwerk (MHKW) eine Gefahr für die Bürger sei, moniert Lehniger. Seine Kollegen würden von Jaumann und seinen Mitstreitern der Lüge bezichtigt und „in die Nähe Krimineller“ gerückt. Im Gegenzug wirft Lehniger den Kritikern vor, es mit der Transparenz nicht so genau nehmen. Ohne jegliche Quellenangaben doziere Jaumann „vom Katheder des Umweltmediziners“. Lehniger dem Zeitungsbericht zufolge an Jaumann: „Gerne halten Sie eine Karte in die Luft, deren Ursprung nur Sie kennen, die mehr Angst verbreitet, als sie der Wahrheitsfindung dient.“

Chefetage und Kollegen in Schutz genommen

Der Brief wurde von der Pressestelle der Unternehmenszentrale in Helmstedt verschickt. Er ist eineinhalb DIN-A4-Seiten lang. In ihm nimmt der Arbeitnehmervertreter Geschäftsführung und Kollegen in Schutz. Die Chefetage habe in den vergangenen Monaten „das Ihre getan, dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit nachzukommen“. Sie sei aber nicht gewillt, „sich an einer von einigen wenigen Akteuren initiierten und scheinbar organisierten Leserbriefkampagne zu beteiligen“. Seine Kollegen machten „einen ausgezeichneten Job“, seien „sämtlich hochqualifizierte Fachkräfte“ und leisteten „hervorragende Arbeit für die Entsorgungssicherheit im Ländle sowie den Klima- und Ressourcenschutz“.

Giftcocktail der besonderen Art

Derzeit im Ausland weilend, will Jaumann laut eigener Auskunft auf der Internetseite seiner Organisation „Müll-Konzept-Göppingen“ von dem Offenen Brief Lehnigers zunächst aus einem Zeitungsartikel unter der Überschrift „Betriebsrat attackiert Müllofenkritiker“ der „NWZ Göppinger Kreisnachrichten“, Ausgabe Nr. 188 vom 16.08.2017 erfahren und ihn zwischenzeitlich selbst erhalten haben. Lehniger verschleudere als „Mitglied der Geschäftsführung der EEW Göppingen“ über die Pressestelle des EEW-Konzerns in Helmstedt einen „Giftcocktail der besonderen Art“ mit „Unterstellungen, Unwahrheiten und Beleidigungen“.

Medizinische Forschungsergebnisse

Bei den von ihm, Jaumann, vorgebrachten Argumenten handele es sich um „naturwissenschaftliche und medizinische Forschungsergebnisse“. Sie seien „zum größten Teil von staatlicher Stelle initiiert, kontrolliert und finanziert worden“. Lehninger falle es „schwer, diese zu widerlegen“. Mit Nachdruck verwahrt sich Jaumann in einem Antwortschreiben an Lehninger vor dem Wochenende daher gegen die Behauptung des Betriebsratsvorsitzenden, er würde „durch Halbwahrheiten und aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen die Öffentlichkeit nicht transparent und ehrlich aufklären …“.

Diskussionsangebot an Jaumann erneuert

Gerne würden sich die Mitarbeiter Lehninger zufolge auch mit Kritik auseinandersetzen. Lehniger: „Deshalb erneuere ich an dieser Stelle nochmals die bereits mehrfach von der Geschäftsführung ausgesprochene Einladung: Kommen Sie ins Müllheizkraftwerk und informieren Sie sich aus erster Hand.“ Schließlich fordert er Jaumann auf: „Nutzen Sie die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Ihre Argumente die besseren sind.“

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)