25.01.2017

Betriebsräte kritisieren zu hohen Arbeitsdruck

Termindruck, Arbeitsverdichtung, Stress: Nur jeder vierte Betrieb in Deutschland ergreift systematisch Maßnahmen gegen die zunehmenden psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Belegschaften leiden unter Zeitdruck und hoher Arbeitsintensität.

Zu viel Papierkram

Betriebliches Gesundheitsmangagement. Der psychische Druck ist in vielen Betrieben hoch. Das liegt häufig an einer zu dünnen Personaldecke. Arbeitnehmervertreter konstatieren als Folge eine Zunahme gesundheitlicher Probleme. Psychische Strapazen lasten heute oft stärker auf den Beschäftigten als die körperlichen Anforderungen der Arbeitswelt. Das zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Doch an konkreten Programmen gegen Stress fehlt es demnach vielerorts – besonders in kleineren Firmen.

Zeitdruck und hohe Arbeitsintensität

Gut 2.000 Betriebsräte wurden für die Studie befragt. Ausgewertet hat sie die WSI-Wissenschaftlerin Dr. Elke Ahlers. Ihr zufolge leiden nach Angaben von rund 60 Prozent der befragten Betriebsräte die von ihnen vertretenen Belegschaften massiv unter Zeitdruck und hoher Arbeitsintensität.

Verantwortungsdruck, Unterbrechungen, Arbeitszeiten

Von hohem Verantwortungsdruck berichten 44 Prozent, von regelmäßigen störenden Unterbrechungen der Arbeit 27 Prozent und von mangelnder Planbarkeit der Arbeitszeiten 23 Prozent. In einem Fünftel der Firmen grassiert die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Befunde sind branchenübergreifend und repräsentativ für Betriebe mit wenigstens 20 Beschäftigten und Arbeitnehmervertretung.

Gesundheitliche Beschwerden

In den meisten Betrieben, 77 Prozent, haben Termindruck und hohe Arbeitsintensität nach Angabe der Betriebsräte in der jüngeren Vergangenheit zu mehr gesundheitlichen Beschwerden bei Beschäftigten geführt, in jedem zweiten ist die Zahl der Überstunden gestiegen. In rund drei Vierteln der Betriebe ist Stress Thema auf Betriebsversammlungen oder Gegenstand von Verhandlungen zwischen Arbeitnehmervertretung und Geschäftsführung.

Umstrukturierungen und Personalabbau

Dabei kommt die Zunahme des Arbeitsdrucks nicht von ungefähr. In jedem zweiten Betrieb gab es in den zwölf Monaten vor der Befragung Umstrukturierungen, über ein Viertel hat mit Personalabbau zu kämpfen. Ahlers: „Hier ist der Stresspegel deutlich überdurchschnittlich.“ Doch auch in vielen anderen Betrieben ist die Personalausstattung nach Einschätzung der Befragten zu gering. 74 Prozent der Betriebsräte sehen sich mit dem Problem konfrontiert. Besonders drastisch ist dies in Erziehungs- und Gesundheitsberufen sowie im öffentlichen Dienstleistungssektor generell.

Geeignete Bewerber

Es sei zu vermuten, so Ahlers, dass viele „Unternehmen die Personaldecke aus Kostengründen so dünn wie möglich halten“. Keineswegs liege die knappe Personalbemessung in erster Linie an zu wenigen geeigneten Bewerbern. Zwar hat laut Betriebsrätebefragung eine Reihe von Firmen Schwierigkeiten, die richtigen Leute zu finden, seien es Akademiker, Facharbeiter oder Ungelernte. Aber in solchen Betrieben spiele Überlastung durch Personalmangel kaum eine größere Rolle als in anderen.

Traditioneller Arbeitsschutz

Traditionelle Formen des Arbeitsschutzes – Verbot von Sonntagsarbeit, Sicherheits- und Pausenvorschriften oder Ähnliches – werden zwar für notwendig gehalten. Sie würden im betrieblichen Alltag aber oft umgangen, die Umsetzung kaum kontrolliert, so Ahlers.

Neuere Instrumente

Als neuere Instrumente nennt sie Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung, Eingliederungsmanagement nach längerer Krankheit oder Gefährdungsbeurteilungen, um die Art der Belastungen mit dem einzelnen Arbeitsplatz sichtbar zu machen. Alle drei sind in der Mehrheit der untersuchten Betriebe inzwischen verbreitet. Allerdings fielen kleinere Firmen hierbei deutlich hinter die Großbetriebe zurück. In Unternehmen ohne Betriebsrat und mit weniger als 20 Beschäftigten dürfte die Quote noch geringer ausfallen, so Ahlers.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)