29.09.2017

Beschäftigte der Handelsbranche fordern Tarifverträge

Im Handel ist die Tarifbindung besonders gering. Nur noch 30 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel und 21 Prozent im Groß- und Außenhandel arbeiten in tarifgebundenen Unternehmen. Folge: bis zu einem Drittel geringere Löhne. ver.di rief gegen den Missstand zur Demo auf.

Tarifverträge Handel

Nahles demonstriert in Düsseldorf

Geschäftsführung Betriebsrat. Über 2.000 Beschäftigte der Handelsbranche haben jetzt in Düsseldorf für allgemeinverbindliche Tarifverträge demonstriert. Sogar Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) nahm teil, wie die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di berichtet. Hintergrund ist die mittlerweile geringe Tarifbindung im Handel. Nur noch 30 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel und 21 Prozent im Groß- und Außenhandel arbeiten demnach in tarifgebundenen Unternehmen. Rund 5,1 Millionen Beschäftigte arbeiten bundesweit im Einzel- und Versandhandel sowie im Groß- und Außenhandel.

Bsirske: Signal an Arbeitgeber und Politik

Anlass des Protestes sind die bis zu einem Drittel geringeren Löhne und schlechteren Arbeitsbedingungen in den zunehmend nicht-tarifgebundenen Handelsunternehmen gegenüber den tarifgebundenen. Der Vorsitzende der Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Frank Bsirske wertet dies als klares Signal an Arbeitgeber und Politik, die Tarifbindung in der neuen Legislaturperiode nach der Bundestagswahl zu stärken. Die künftigen Koalitionspartner müssten sich daran messen lassen, ob sie die Interessen der Arbeitnehmer gegenüber Unternehmen, die Lohndrückerei betreiben, stärken.

Prekäre Löhne trotz Umsatzplus

Bei einem Umsatzplus von zwei Prozent im Jahr 2017 beschäftige der Handel in weiten Teilen Frauen in Minijobs und Teilzeit und zahle dabei prekäre Löhne, so Bsirske. Das sei das Ergebnis der Tarifflucht der letzten Jahre. Die Beschäftigten der Branche erwarteten faire Löhne, die tariflich abgesichert sind, sowie eine gesetzliche Stärkung der Tarifbindung und der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen in Deutschland. „Tarifflucht darf sich in unserem Land nicht länger lohnen“, sagte Bsirske.

Tarifpartnerschaft stärken

Nahles kündigte vor den Demonstranten an, alles daran zu setzen, die Tarifpartnerschaft zu stärken und eine flächendeckende Tarifbindung zu erreichen. Das sei besonders im Einzelhandel wichtig. Viel zu viele würden daran gehindert, gemeinsam für ihre Interessen zu kämpfen. Sie hingen in befristeten Verträgen, würden als Leiharbeitnehmer hin und her geschickt oder Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse in Mini-Jobs umgewandelt, so die Ministerin. Nahles: „Ich rufe die Arbeitgeber dazu auf, sich Allgemeinverbindlichkeitserklärungen von Tarifverträgen nicht systematisch in den Weg zu stellen.“ Faire Bedingungen nutzten auch den Einzelhändlern.

Allgemeinverbindliche Tarifverträge

Es brauche mehr allgemeinverbindliche Tarifverträge. Man müsse die Regeln für die Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen so weiterentwickeln, dass sie öfter und leichter anwendbar sind. Um diese Fragen gemeinsam zu besprechen, fordert Nahles in Deutschland einen Pakt für anständige Löhne. Das für Handel zuständige ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger sieht aufgrund der Tarifflucht der Unternehmen eine dramatische Situation im Handel. Sie führe zu Armutslöhnen und späteren Armutsrenten. Die Unternehmen hätten sich systematisch aus ihrer Verantwortung gestohlen, zulasten der Beschäftigten und ihrer Familien, aber auch der ganzen Gesellschaft. Die habe dieses Geschäftsmodell im Einzelhandel allein 2015 mit 1,4 Milliarden Euro Steuergeldern subventioniert. Damit müsse Schluss sein, forderte Nutzenberger. Löhne müssten zum Leben reichen, die Arbeitgeber müssten ihre Blockadehaltung aufgeben.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist Journalist und Autor des Werkes Wirtschaftswissen für den Betriebsrat.)